Ihm schien, daß sich ihre Augenlider bewegten und ihre Wimpern zuckten. Ichtiander legte sein Ohr an des Mädchens Brust und vernahm einen schwachen Herzschlag. Sie lebt! Am liebsten hätte er vor Freude laut gejubelt.

Das Mädchen blickte Ichtiander an, schloß die Augen jedoch mit einem Ausdruck des Erschrekkens gleich wieder. Ichtiander war betrübt. Es war ihm zwar gelungen, das Mädchen zu retten, aber nun mußte er sie, da er sie nicht ängstigen wollte, verlassen. Aber konnte er sie in Ihrer Hilflosigkeit allein lassen?

Noch während er überlegte, vernahm er schwere, eilende Schritte und warf sich ohne Zögern kopfüber in die Fluten, tauchte und schwamm zu den Klippen. Hier erkletterte er die Felsen und verbarg sich in einer Spalte, um das Ufer genau beobachten zu können.

Zwischen den Dünen erschien ein dunkelhäutiger Mann mit Knebelbärtchen und Panamahut. Leise sagte er auf Spanisch: „Heilige Jungfrau Maria, hier ist sie.“ Als er das Mädchen fast erreicht hatte, bog er plötzlich zum Wasser ab, tauchte kurz in die Brandung und eilte dann durchnäßt zur Gesuchten.

Auch er unternahm künstliche Atemübungen, beugte sich über das Gesicht des Mädchens und küßte es. Dann sprach er drängend auf sie ein. Ichtiander verstand nur einige Satzfetzen: „.ich habe sie gewarnt. das war Wahnsinn. wie gut, daß ich sie an das Brett festband.“

Das Mädchen schlug die Augen auf und hob den Kopf. Das Erschrecken auf ihrem Gesicht wechselte über in Verwunderung, Zorn und Unbehagen. Der Mann mit dem Spitzbart redete noch immer auf das Mädchen ein und half ihm aufzustehen. Er ließ es jedoch, weil es noch zu schwach war, wieder in den Sand zurücksinken.

Etwa nach einer halben Stunde begaben sich die beiden auf den Heimweg. Sie kamen nahe an Ichtianders Versteck vorbei. Das Mädchen sagte: „Sie also haben mich gerettet? Danke. Der liebe Gott beschütze Sie.“

„Nein, nicht der liebe Gott, Sie sollen mich beschützen“, antwortete der Dunkelhäutige.



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