Offiziell dauerte eine Schicht in der Mordkommission zehn Stunden; in der Praxis war sie wegen laufender Ermittlungen oft länger. Auch Malcolm Ainslie und Jorge Rodriguez, die eigentlich seit Stunden dienstfrei hatten, waren bis vor wenigen Augenblicken noch beschäftigt gewesen.

Ainslie vermutete, daß seine Frau Karen am Telefon war. Sie würde wissen wollen, wann er heimkam, damit ihr lange geplanter Urlaub endlich beginnen konnte. Nun, ausnahmsweise würde er antworten können, er sei mit der Arbeit fertig, habe alles erledigt und sei nach Hause unterwegs. Morgen früh würden Karen, Jason und er mit der ersten Maschine der Air Canada von Miami nach Toronto fliegen.

Ainslie fühlte sich urlaubsreif. Obwohl er körperlich fit war, fehlte ihm die unerschöpfliche Energie, die er besessen hatte, als er vor einem Jahrzehnt zur Polizei gegangen war. Gestern war ihm beim Rasieren aufgefallen, daß sein schütteres braunes Haar rasch grauer wurde. Auch ein paar neue Falten hatte er entdeckt; daran war bestimmt sein dienstlicher Streß schuld. Und sein Blick - wachsam und forschend - verriet Skepsis und Desillusionierung, nachdem er über Jahre hinweg die Abgründe der Condition humaine studiert hatte.

In diesem Augenblick war Karen hinter ihm aufgetaucht, hatte wie so oft seine Gedanken erraten, war ihm mit fünf Fingern durchs Haar gefahren und hatte ihm versichert: »Mir gefällt noch immer, was ich sehe.«

Er hatte Karen an sich gezogen und umarmt. Sie reichte ihm nur bis zu den Schultern, und er genoß den Duft ihres seidigweichen kastanienbraunen Haars, während dieser Körperkontakt sie beide noch immer erregte. Er legte einen Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht hoch, um sie zu küssen.

»Ich bin eine Kleinpackung«, hatte Karen ihm bald nach ihrer Verlobung erklärt. »Aber sie enthält viel Liebe - und alles andere, was du brauchen wirst.« Und so war es gewesen.



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