
Doktor Harrlich unterschrieb aber immerhin die Krankenscheine. (Den richtigen Platz fand er blind.) Die restliche Arbeit erledigte Katrin - und umgekehrt. Sie war theoretisch medizinisch-technische Assistentin der Augenheilkunde, jedoch praktisch Augenärztin ohne Doktortitel. Ihretwegen kamen die Kunden, ihretwegen musste der Wartesaal vergrößert werden. Achtzig Prozent der Patienten waren Männer. Alle wollten von ihr behandelt werden. Alle wollten, dass sie ihnen in die Augen schaute.
Der Vormittag verging schnell. - Ein Leberleiden, ein beginnender grüner Star, altersbedingte Kurzsichtigkeit, jugendliche Weitsichtigkeit: gleich zwei Dioptrien mehr - armer Bub, war erst fünfzehn Jahre alt und hatte schon Aschenbecher vor den Augen. Sieben weitere Patienten waren gesund und brauchten keine Brillen. Wahrscheinlich hatten sie es vorher ohnehin schon gewusst.
Zehn vor eins wartete Katrin im Cafe Melange auf den Weihnachtshund, der ja hoffentlich an einer Leine hängen und mit einem ausbruchsicheren Beißkorb ausgestattet sein würde. Die zehn Minuten bis zum vereinbarten Treffzeitpunkt brauchte sie, um Fluchtwege auszukundschaften, für den Fall, dass der Hund an keiner Leine hing und mit keinem ausbruchsicheren Beißkorb ausgestattet war.
Katrin hasste es, allein in einem Kaffeehaus zu sitzen und so zu tun, als würde sie in dem Magazin, mit dem sie ihr Gesichtsfeld abschirmte, auch tatsächlich lesen. Sie hasste es, von Männern angesprochen zu werden, von denen sie nicht angesprochen werden wollte, und nur solche sprachen sie an. Noch mehr hasste sie deren ängstlich-sündige BlickKombinationen (Augen-Busen-Beine-Augen-BusenBusen), die nach ihr verrenkten Hälse, das notgeile Gezwinkere, die lustvoll gehobenen Augenbrauen, die von der Wunschvorstellung geöffneten Münder mit den vorblinzelnden Zungen. Am meisten hasste sie die Vorstellung, dass sich manche der Männer vielleicht sogar einbildeten, sie würde deshalb allein im Kaffeehaus sitzen, um dies erleben zu dürfen.
