
Manche logen uns an. ›O ja, unser kleines Mädchen ist drei Tage nach dem Neumond auf die Welt gekommen!‹ Denn, weißt du, arme Leute werden ihre kleinen Mädchen gerne los. Andere wiederum, die in den einsamen Hütten zwischen den Bergen wohnten, waren so arm, daß sie die Tage nicht zählten und kaum wußten, in welchem Monat sie lebten. Die wußten natürlich nicht genau, wie alt ihr Kind war. Aber wir haben letzten Endes immer die Wahrheit herausgefunden, wir mußten nur lange genug fragen. Es war manchmal mühsam. Schließlich fanden wir ein kleines Mädchen, in einem Dorf von nicht mehr als zehn Häusern, das an den Obstfeldern westlich von Entat lag. Es war acht Monate alt. So lange waren wir schon unterwegs. Es war in der Nacht geboren, in der die Priesterin verschieden war, und dazu noch zur Stunde ihres Todes. Das Kind sah gut aus, aufrecht saß es auf den Knien seiner Mutter und blickte uns alle aufmerksam an. Wir hatten uns alle in den einzigen Raum der Hütte gedrängt, wie Fledermäuse in eine Höhle! Der Vater war arm. Er versorgte die Apfelbäume auf den Feldern der Reichen, und außer seinen fünf Kindern und einer Ziege gehörte ihm nichts. Selbst das Haus war nicht sein eigenes. Da standen wir nun alle, zusammengepfercht, und man merkte am Tuscheln der Priesterinnen und an den Blicken, die sie auf das Kind warfen, daß sie glaubten, die Wiedergeborene endlich gefunden zu haben. Auch die Mutter merkte es. Sie hielt das Kind nur fester in ihren Armen und sagte kein Wort. Na, und am nächsten Tag kamen wir zurück. Und da schau her! Das kleine Mädchen mit seinen munteren Augen lag in seinem Bettchen auf Stroh und schrie und weinte, und ihr Körper war mit roten Fieberflecken bedeckt, und die Mutter rang die Hände und weinte lauter als das Kind: »O weh! O weh! Mein Kind hat die Hexenfinger!« So nannte sie die Krankheit, die man sonst als die Pocken bezeichnet.