In meinem Dorf sagen sie auch Hexenfinger dazu. Aber Kossil, die jetzt Hohepriesterin beim Gottkönig ist, ging an das Bett und hob das Kind in die Höhe. Wir anderen waren alle zurückgewichen, ich auch. Mein Leben gilt mir ja nicht viel, aber wer betritt schon gern ein Haus, in dem die Pocken umgehen? Kossil hob das Kind in die Höhe und sagte: ›Sie hat kein Fieber.‹ Und dann spuckte sie auf ihren Finger und rieb an einer roten Stelle herum, bis sie verschwand. Es war nichts als Beerensaft. Die arme, dumme Mutter hatte geglaubt, daß sie uns an der Nase herumführen könne, um ihr Kind zu behalten!« Manan schüttelte sich vor Lachen, sein gelbes Gesicht veränderte sich kaum, aber er hielt sich die Seiten. »Ihr Mann hat sie dann geschlagen, denn er fürchtete den Zorn der Priesterinnen. Und dann sind wir wieder in die Wüste hierher zurückgekehrt, aber jedes Jahr ging einer von der Stätte in das Dorf zurück, das zwischen den Feldern voll Apfelbäumen lag, um zu sehen, wie sich das Kind entwickelte. So vergingen fünf Jahre, und dann machten sich Thar und Kossil auf, von den Tempelgarden und den Soldaten im roten Helm begleitet, die vom Gottkönig gesandt wurden, um das Mädchen sicher zurückzubringen. Sie brachten das Kind hierher, denn es war wirklich die Priesterin und sie gehörte hierher an die Gräberstätte. Und wer war das Kind, eh, Kleines?«

»Ich«, sagte Arha und schaute in die Ferne, als wolle sie etwas sehen, das nicht mehr da war, etwas, das nicht mehr sichtbar war.

Einmal fragte sie: »Was hat denn die … die Mutter getan, als sie kamen, um das Kind wegzunehmen?«

Manan wußte es nicht, er hatte die Priesterinnen auf dieser letzten Fahrt nicht begleitet.

Und sie konnte sich nicht mehr daran erinnern. Was nützte es auch, sich daran zu erinnern? Es war vorbei, all das war vorbei. Sie war dort angekommen, wo sie ankommen mußte. So war es vorherbestimmt. Von der ganzen Welt kannte sie nur diesen einen Ort: die Stätte, wo sich die Gräber von Atuan befanden.



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