Während des ersten Jahres wohnte sie mit den anderen Mädchen, die im Alter zwischen vier und vierzehn waren, in dem großen Schlafsaal. Aber selbst dort wurde Manan von den anderen zehn Wärtern getrennt und dazu bestimmt, nur für sie allein zu sorgen, und ihr kleines Bett wurde in einer Nische aufgestellt, die etwas abseits lag in dem langgezogenen Schlafsaal mit den mächtigen, niedrigen Deckenbalken, der ein Teil des Großhauses war, wo die Mädchen kicherten und flüsterten, bevor sie einschliefen, wo sie gähnten und sich gegenseitig die Haare flochten im grauen Licht der Morgendämmerung. Aber nachdem man ihr den Namen weggenommen hatte, und sie Arha wurde, schlief sie allein in dem Kleinhaus, in dem Bett und in dem Zimmer, das sie bis ans Ende ihrer Tage innehaben würde. Das Haus gehörte ihr allein, es war das Haus der Einen Priesterin, und niemand durfte es ohne ihre Erlaubnis betreten. Als sie noch klein war, gefiel es ihr, wenn Leute demütig anklopften und sie dann sagen konnte: »Treten Sie ein!«, und es ärgerte sie, daß die beiden Hohepriesterinnen Kossil und Thar eintraten, ohne anzuklopfen, denn die sahen es als selbstverständlich an, daß sie das Recht dazu hatten.

So vergingen die Tage und die Jahre und alle waren sich ähnlich. Die Mädchen der Gräberstätte hatten Unterricht oder sie mußten sich in irgendeiner Geschicklichkeit üben. Spielen durften sie fast nie. Sie hatten auch keine Zeit dazu. Sie lernten die sakralen Lieder und Tänze, die Geschichte des Kargadreiches und die Mysterien des Gottes, dem sie geweiht waren: das konnte der Gottkönig sein, der über Awabad herrschte, oder die Zwillingsbrüder Atwah und Wuluah. Arha allein lernte die Mysterien der Namenlosen, und nur ein Mensch konnte sie die lehren: die Hohepriesterin Thar, die den Zwillingsgöttern diente. Täglich verbrachte sie eine Stunde mit ihr, manchmal dauerte es auch länger, aber den Rest des Tages war sie mit den anderen Mädchen beisammen und mußte arbeiten. Mit ihnen zusammen mußte sie lernen, Schafwolle zu spinnen und zu weben, Linsen, Buchweizen, grobgemahlen für Grütze und feingemahlen für ungesäuertes Brot, Zwiebeln und Kohl anzupflanzen, zu ernten und zuzubereiten, Ziegenkäse herzustellen, Honig zu sammeln und Äpfel zu verwerten.



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