Penthe starrte sie an. »Oh«, sagte sie kaum hörbar, »oh, ich weiß, daß du dies bist, Arha …«

Penthe blieb lange sitzen, ohne zu reden, sie seufzte nur manchmal, ließ ihre runden Beine baumeln und blickte über das weite, farblose Land, das zu ihren Füßen lag und sich ganz allmählich in einem riesigen, dunstigen Himmel verlor.

»Weißt du, es wird nicht mehr lange dauern, und dann wirst du hier herrschen«, sagte sie endlich mit sanfter Stimme. »In zwei Jahren sind wir keine Kinder mehr. Dann sind wir vierzehn. Ich komme dann in den Tempel des Gottkönigs, und für mich wird sich wenig ändern. Du aber wirst dann erst richtige Hohepriesterin. Dann müssen dir selbst Kossil und Thar gehorchen.«

Die Verzehrte erwiderte nichts. Ihr Gesicht war unbeweglich. Ihre Augen unter den dunklen Brauen fingen das Himmelslicht auf und glänzten hell.

»Ich glaube, wir müssen zurückkehren«, sagte Penthe.

»Nein.«

»Aber die Webmeisterin sagt es vielleicht Thar, daß wir nicht da sind. Und bald wird es Zeit für die Neun Gesänge.«

»Ich bleibe hier, und du bleibst auch hier.«

»Dich bestrafen sie nicht, aber mich werden sie bestrafen«, sagte Penthe mit zaghafter Stimme. Arha gab keine Antwort. Penthe seufzte und blieb sitzen. Die Sonne versank im Dunst hoch über der Ebene. In der Ferne, auf dem weiten, leicht ansteigenden Land hörte man schwach das scheppernde Geräusch von Schafglocken und das Blöken der Lämmer. Der Frühlingswind wehte in kurzen, trockenen Böen und trug einen schwachen Duft mit sich.

Die Neun Gesänge waren schon fast beendet, als die beiden Mädchen zurückkehrten. Mebbeth hatte sie auf der »Männerseite« sitzen sehen und dies ihrer Oberin Kossil, der Hohepriesterin des Gottkönigs, hinterbracht.

Kossil hatte einen schweren Gang, und ihre Gesichtszüge bewegten sich kaum. Auch jetzt verzog sich ihr Gesicht nicht, als sie mit den beiden Mädchen sprach und ihnen gebot, ihr zu folgen. Sie führte sie durch die steinernen Gänge des Großhauses, durch die Eingangstür hinaus, und den Hügel zum Tempel von Atwah und Wuluah hinauf. Dort sprach sie mit Thar, der Hohepriesterin des Tempels, die so dürr, groß und hager war wie der Beinknochen eines Hirsches.



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