»Bedeutet dir der Tempel denn gar nichts?« fragte sie ziemlich brüsk.

Penthe, die gewöhnlich immer nachgab und leicht beeinflußbar war, ließ sich dieses Mal nicht aus dem Fahrwasser bringen. »Oh, ich weiß, daß deine Gebieter dir viel bedeuten«, sagte sie mit soviel Gleichgültigkeit in der Stimme, daß Arha schockiert war. »Das ist irgendwie verständlich, weil du ihre eigentlichste Dienerin bist. Du bist nicht so einfach geweiht worden, du bist extra dafür geboren worden. Aber guck mich an! Soll ich wirklich so viel Ehrfurcht und so weiter für den Gottkönig aufbringen? Der ist schließlich auch bloß ein Mensch, selbst wenn er in einem Palast in Awabad wohnt, der fünf Meilen rundherum Golddächer hat. Er ist fast fünfzig Jahre alt und hat eine Glatze. Das kannst du auf jedem Denkmal sehen. Und ich wette, daß er seine Zehennägel genauso schneiden muß wie jeder andere. Natürlich ist er ein Gott, ich weiß. Aber ich glaube, er wird noch viel göttlicher werden, wenn er einmal tot ist.«

Arha stimmte mit Penthe überein, denn insgeheim war sie auch zu der Überzeugung gelangt, daß die göttlichen Herrscher von Kargad Emporkömmlinge waren, falsche Götter, welche die Gottesverehrung, die den ewigen Mächten zustand, an sich gerissen hatten. Aber hinter Penthes Worten lag etwas, das ganz neu für sie war, wovor sie sich fürchtete und womit sie nicht übereinstimmen konnte. Es war ihr nie zu Bewußtsein gekommen, wie verschieden Leute sein konnten, wie verschieden sie dem Leben gegenüberstehen konnten. Es kam ihr vor, als sähe sie einen ganz neuen Planeten, der riesig und dicht bevölkert direkt vor ihrem Fenster hing, eine fremde Welt, in der Götter keine Rolle spielten. Die Kraft von Penthes Unglauben hatte sie erschüttert, und in ihrer Angst schlug sie zurück.

»Das stimmt. Meine Gebieter sind schon lange, lange tot, und es sind nie Menschen gewesen … Weißt du was, Penthe? Ich könnte dich für den Dienst der Gräber anfordern.« Sie sprach freundlich, als böte sie ihrer Freundin eine bessere Chance an.



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