Die Röte verschwand aus Penthes Wangen.

»Ja«, sagte sie, »das könntest du. Aber ich … ich würde mich nicht sehr dafür eignen.«

»Warum nicht?«

»Ich habe Angst im Dunkeln«, sagte Penthe leise.

Arha rümpfte die Nase und gab einen kleinen verächtlichen Laut von sich, aber sie war zufrieden. Sie hatte ins Schwarze getroffen. Penthe glaubte nicht an Götter, aber sie hatte vor den namenlosen Mächten der Dunkelheit Angst — wie jede andere sterbliche Seele.

»Ich würde das nur tun, wenn du es wünschtest«, sagte Arha.

Sie schwiegen beide eine lange Weile.

»Du wirst immer mehr wie Thar«, sagte Penthe auf ihre weiche, träumerische Art. »Gott sei Dank wirst du nicht wie Kossil. Aber du bist so stark. Ich wollte, ich wäre auch so stark. Ich esse bloß gern …«

»Nimm noch einen!« sagte Arha überlegen und belustigt. Penthe nagte langsam und bedächtig ihren dritten Apfel ab bis aufs Kerngehäuse.

Die Anforderungen, die das endlose Ritual der Stätte an sie stellte, zwangen Arha ein paar Tage später aus ihrer Abgeschlossenheit heraus. Zwillingsgeißlein waren außerhalb der regulären Zeit geboren worden und wurden, wie es die Sitte verlangte, den Zwillingsgöttern als Opfer dargebracht. Es war eine wichtige Zeremonie, bei der die Eine Priesterin nicht fehlen durfte. Dann kam die Nacht, in der der Mond nicht sichtbar war, und die Zeremonie der Dunkelheit mußte vor dem Leeren Thron abgehalten werden. Arha sog die betäubenden Düfte von Kräutern ein, die in großen Bronzeschalen vor dem Thron verbrannt wurden, und sie tanzte, in Schwarz gekleidet, allein vor dem Thron. Sie tanzte für die unsichtbaren Geister der Toten und der Ungeborenen, und während sie tanzte, drängten sich die Geister um sie, folgten den Drehungen und Wendungen ihrer Füße und den langsamen, sicheren Gesten ihrer Arme.



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