Ich werde zuerst jene Bilder heraufbeschwören und den Farben, dem Leben und jenen Stimmen Kraft verleihen müssen, die die Jahre und die Entfernung geschwächt haben. Und ich muß auch das neu erschaffen, was ich persönlich nicht gesehen habe - so, wie der Dramaturg es macht, der in seinen Tragödien Szenen aufführt, die er selbst nie erlebt hat.

Der Schnee fällt herab auf Carvetias Hügel. Alles ist weiß und still, und langsam erlischt das letzte Licht des Tages.

ERSTER TEIL

I

Dertona, Feldlager der Legio Nova Invicta,

im Jahre des Herrn 476, dem Jahr 1229 seit der Gründung der Stadt Rom

Langsam bohrte sich das Licht durch die Wolke, die das Tal einhüllte, und auf der Anhöhe der Hügel reckten sich die Zypressen plötzlich genauso empor wie die Wachtposten. Unter einem Bündel dürrer Zweige erschien am Rand eines Stoppelfeldes ein gekrümmter Schatten, der sich sofort auflöste wie ein Traumbild. In diesem Augenblick ertönte aus einem fernen Gehöft der Schrei eines Hahnes, um einen grauen und fahlen Tag anzukündigen, und dann erstarb er, als hätte der Nebel ihn verschluckt. Nur die Stimmen von Männern durchschnitten die grauen Schwaden.

»Kalt ist es.«

»Und diese Feuchtigkeit dringt einem bis ins Mark.«

»Das ist der Nebel. In meinem ganzen Leben habe ich noch keinen so dichten Nebel gesehen.«

»Fürwahr. Und unsere Rationen haben sie immer noch nicht geliefert.«

»Vielleicht ist nichts mehr zum Essen übriggeblieben.«

»Nicht einmal ein bißchen Wein, damit wir uns aufwärmen können.«

»Und seit drei Monaten bekommen wir keinen Sold.«

»Ich kann nicht mehr, ich halte diese Situation nicht mehr aus. Fast jedes Jahr ein neuer Kaiser, auf allen Kommandoposten Barbaren, und jetzt auch noch der allergrößte Schwachsinn: ein Rotzbengel auf dem Thron der Cäsaren - Romulus Augustus! Ein Jüngelchen von dreizehn Jahren, das noch nicht einmal die Kraft hat, das Zepter zu halten, soll jetzt über das Schicksal der Welt bestimmen, zumindest über das des Westens.



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