»Ich kenne hier nur ein einziges Lokal«, sagte der Mann.»Aber wir können es versuchen. Vielleicht ist es noch offen.«

Er winkte ein einsames Taxi heran und sah mich an.

»Gut«, sagte ich.

Wir stiegen ein, und er nannte dem Chauffeur eine Adresse. Ich hätte gern Ruth noch benachrichtigt, daß ich die Nacht nicht zurückkäme; aber plötzlich, als ich in das schlecht riechende, dunkle Taxi einstieg, sprang mich eine so wilde, entsetzliche Hoffnung an, daß ich fast taumelte. Vielleicht war dies alles wirklich wahr; vielleicht war unser Leben noch nicht zu Ende, und das Unmögliche wurde Tatsache: unsere Rettung. Ich getraute mich nicht mehr, den Fremden auch nur eine Sekunde allein zu lassen.

Wir umfuhren die theatralische Kulisse der Praça do Comercio und kamen nach einiger Zeit in ein Gewirr von Treppen und Gassen, die aufwärts führten. Ich kannte diesen Teil Lissabons nicht; ich kannte, wie immer, hauptsächlich die Kirchen und die Museen – nicht weil ich Gott oder die Kunst so liebte, sondern einfach, weil man in Kirchen und Museen nicht nach seinen Papieren gefragt wurde. Vor dem Gekreuzigten und den Meistern der Kunst war man noch Mensch – nicht ein Individuum mit zweifelhaften Ausweisen.

Wir verließen das Taxi und stiegen die Treppen und winkligen Gassen empor. Es roch nach Fisch, Knoblauch, Nachtblumen, toter Sonne und Schlaf. Das Kastell St. George wuchs im steigenden Mond zur Seite aus der Nacht, und das Licht stürzte wie ein Wasserfall in Kaskaden die vielen Stufen hinab. Ich wandte mich um und sah zum Hafen hinunter. Da unten war der Fluß, und der Fluß war die Freiheit, er war das Leben, er mündete in das Meer, und das Meer war Amerika.

Ich blieb stehen.»Ich hoffe, Sie machen keine Scherze mit mir«, sagte ich.

»Nein«, erwiderte der Mann.

»Keine Scherze mit den Schiffskarten, meine ich.«

Er hatte sie auf dem Quai wieder in seine Tasche gesteckt.



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