
„Nun“, sagte Alystra schließlich, „was willst du tun?“
„Ich kann's nicht ändern“, erwiderte er mürrisch. „Ich halte die Regeln für Unsinn. Außerdem, wie soll ich mich an sie erinnern, wenn ich ein Abenteuer erlebe? Ich benehme mich ganz natürlich. Wolltest du denn den Berg nicht sehen?“
Alystras Augen weiteten sich entsetzt.
„Das hätte doch bedeutet, nach draußen zu gehen!“ stieß sie hervor.
Alvin wußte, daß es zwecklos war, weiterzudiskutieren. Hier lag die Schranke, die ihn von allen Menschen seiner Welt trennte und die ihn zu einem Leben der Enttäuschung zu verurteilen drohte. Er wünschte immer, nach draußen zu gehen, in Wirklichkeit wie im Traum. Und dabei war ›draußen‹ für jeden Menschen in Diaspar ein Alptraum, den keiner ertrug. Wenn es sich vermeiden ließ, sprach man nie darüber; es war etwas Unreines und Böses. Nicht einmal Jeserac, sein Hauslehrer, wollte ihm den Grund verraten…
Alystra beobachtete ihn immer noch besorgt und zärtlich zugleich. „Du bist unglücklich, Alvin“, sagte sie. „In Diaspar sollte niemand unglücklich sein. Laß mich hinüberkommen und mit dir sprechen.“
Alvin schüttelte unhöflich den Kopf. Er wußte, wo das hinführen würde.
Im Augenblick wollte er allein sein. Alystra verschwand enttäuscht.
In einer Stadt von zehn Millionen, dachte Alvin, gab es nicht einen einzigen Menschen, mit dem er wirklich reden konnte. Eriston und Etania hatten ihn auf ihre Weise gern, aber jetzt, da ihre Vormundschaft zu Ende ging, waren sie froh, ihn seinen eigenen Vergnügungen und der Gestaltung seines weiteren Lebens überlassen zu können. Als in den letzten Jahren seine Abweichung von der üblichen Art immer deutlicher zutage getreten war, hatte er oft den Groll seiner Eltern gefühlt. Nicht ihm persönlich gegenüber — das hätte er wahrscheinlich leichter bekämpfen können —, sondern gegen den unglücklichen Zufall, der ausgerechnet sie aus den Millionen Menschen der Stadt ausersehen hatte, ihm zu begegnen, als er vor zwanzig Jahren aus der Halle der Schöpfung getreten war.
