Sie war vielleicht nicht atemberaubend schön oder niedlich unterwürfig, doch, bei Gott, in dem, was sie tat, war sie die Beste. Ihre ganze Identität als Erwachsene war mit dem Umkreis eines Tennisplatzes verknüpft. An diesem Punkt in Carmens Leben sagten Leute, die sie maskulin fanden, dies allenfalls hinter vorgehaltener Hand. Ins Gesicht sagten sie ihr nur Lo­bendes. Sie liebte das Lob, und sie verdiente es. Falls sie sich je fragte, was die Leute wirklich über sie dachten oder was sie von sich selbst dachte, verschloß sie es tief in ihrem Innern. Ihr Tennisruhm würde sie für all die Verletzungen entschädigen, unter denen sie in ihrer Kindheit gelitten hatte.

Dr. Arturo Semana hatte seine Kinder nie absichtlich verletzt. Sie wurden zu Hause mit materiellen Besitztümern überhäuft und an der aristokratischsten katholischen Schule in Buenos Aires zu tiefer Frömmigkeit getrieben. Miguel, das ältere Kind und der einzige Sohn, stand unter dem täglichen Druck seines Vaters, in allen Dingen ein Mann zu sein. Carmen bekam von ihrer Mutter, eine der führenden Gastgeberinnen von Buenos Aires, den gleichen Druck zu spüren. Als Carmen statt Miguel die Leistungssportlerin wurde, war Theresa Semana eine Woche lang bettlägerig. Arturo fand sich mit Carmens Karriere ab und war schließlich stolz darauf. Theresa kam so weit, daß sie bei der Erwähnung von Leistungen ihrer Tochter nicht mehr er­bleichte, aber sie fand das Tennisleben für jede Frau unakzepta­bel, ihre einzige Tochter eingeschlossen. So war es kaum ver­wunderlich, daß Carmen ihre Besuche zu Hause auf einen im Jahr beschränkte. Egal, wie viele Pokale oder wieviel Geld sie gewann - wenn sie ihr Spiegelbild in den klaren Augen ihrer Mutter erblickte, sah sie eine Niete.

Miguel begriff nichts von dem besonderen Druck, den es bedeutet, weiblich zu sein, aber Carmen war seine Schwester, und er liebte sie. Außerdem war er mit seinem eigenen Druck vollauf beschäftigt. Die beiden verbündeten sich gegen die liebenden, aber fordernden Eltern.



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