
Ernst Dahlmann war aufgesprungen und rannte um seinen Labortisch herum zu Luise.
»Luiserl!« schrie er dabei. »Luiserl? Was ist denn? Bist du verletzt. Luiserl -«
Luise Dahlmann hatte den dumpfen Knall gar nicht gehört. Sie hatte plötzlich nur den dampfenden Nebel vor sich gesehen, den heißen Regen gespürt, die Tropfen, die über ihr Gesicht sprühten, in die Augen drangen. Tropfen, die nicht nur glühten, sondern wie flüssiger Höllenstein brannten.
»Meine Augen!« dachte sie nur. »Mein Gott - meine Augen -«
Sie schlug die Hände vors Gesicht, warf den Kopf zurück, aber schon, als sie ihre nasse Haut fühlte, wußte sie, daß es zu spät war. Ernst Dahlmann riß sie aus dem gelben Dampf und schleuderte sie fast in die Mitte des Labors hinein . dann rannte er zu den großen Fenstern, stieß die Flügel auf und stürzte zu Luise zurück, die verkrümmt an einem der langen Tische lehnte und noch immer ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckt hielt.
»Luiserl.«, stammelte Dahlmann. »Sag ... hast du dich verletzt -« Er wagte nicht, sie zu berühren, ihr die Hände vom Gesicht zu ziehen . er sah es schon am Hals, was ihn erwartete. Dort waren einige Spritzer hingekommen, und die Haut war rot geworden, aufgequollen, verätzt.
Nach diesen ersten Sekunden des Schreckens und Entsetzens handelten sie, wie sie es hundertmal gehört hatten und auch immer wieder den Kunden rieten: Kein Wasser auf die Verätzungen, sondern zunächst bloßes Abtupfen der Säure mit Zellstoff. Und dann einen Arzt . sofort einen Arzt.
Ernst Dahlmann atmete schwer, als er das Gesicht seiner Frau sah. Ein großer roter, aufgequollener Fleck Fleisch, in dem Nase und Mund verschwanden. Unter der Stirn die Augenbrauen, deren Haare sich bei der Berührung lösten wie abgebrannter Zunder. Die Augenlider waren ebenfalls verätzt, unter den Wimpern liefen die Tränen heraus, kleine Bäche, die sich einen Weg durch die zerstörte Haut suchten. Jetzt kam auch der Schmerz ... der Kopf brannte, als läge er in einem offenen Feuer, er glühte und kochte das Gehirn.
