
Luise Dahlmann bäumte sich hoch und schrie. Es war ein greller, ins Mark dringender Schrei, ein Aufbrüllen, das kaum noch etwas Menschliches an sich hatte. Sie umklammerte ihren Kopf und stampfte mit beiden Beinen in unerträglichem Schmerz auf den Boden.
»Oh!« schrie sie hell. »Oh ... ich verbrenne ... ich verbrenne ... meine Augen ... meine Augen.«
Ernst Dahlmann rannte in die Apotheke. Es war ein Abend, an dem er keine Nachtbereitschaft hatte. Mit fliegenden Händen suchte er eine sterile Spritze, brach eine Schachtel mit Morphinampullen auf und rannte zurück zum Labor. Mein Gott, wenn bloß jemand hier wäre, dachte er. Immer ist jemand in der Apotheke, gestern war Dienst, morgen ist wieder Bereitschaft . und gerade heute, heute, wo wir allein sind.
Luise stand noch immer zusammengekrümmt an dem langen Labortisch, den Kopf zwischen den Händen. Als Dahlmann sie anrührte, war sie wie versteint. Der wahnsinnige, brennende Schmerz schien sie zur erstarrten Schlacke gemacht zu haben.
»Komm -«, sagte er heiser. »Komm, kannst du gehen?«
Er führte sie aus dem Labor zu einem kleinen Nebenraum, der als Wohnzimmer eingerichtet war. Dort legte er sie auf ein altes Sofa, knöpfte den weißen Kittel auf, schob den Rock hoch und gab ihr die Morphininjektion in den Oberschenkel. Als er wieder ihr Gesicht sah, rot und aufgequollen, dieses schöne, schmale Gesicht mit den großen, sprechenden braunen Augen, die jetzt irgendwie glanzlos, stumpf und ohne Leben in den verätzten Höhlen lagen, krampf-te sich ihm die Kehle zusammen. Er war kaum der Sprache mächtig, als er den Hausarzt Dr. Ronnefeld anrief.
»Bitte, kommen Sie.«, stammelte er. »Sofort . bitte sofort . eine Explosion. Säure in die Augen. Es . es ist furchtbar -«
Dann saß er neben seiner Frau, hielt ihre zitternde Hand und wartete, bis das Morphium wirkte und sie wegsank in eine ruhige, schmerzlose, leichte Welt des Traumes.
