
»Bleibt’s bei Fischstäbchen und Glotze?« fragte sie.
»Mehr oder weniger.«
»Du hast schon wieder Bronchitis.«
»Ist aber nicht ansteckend.«
Sie erreichte den Fuß der Treppe und ging ohne stehenzubleiben in die Küche. Bei ihr dauerte es immer eine Weile, bevor der Streß der Woche von ihr abfiel. Ich war die unfreundliche Begrüßung und die kratzbürstigen Zurückweisungen der ersten Stunden schon gewöhnt. Ich versuchte gar nicht mehr, ihr liebevoll entgegenzukommen. Vor zehn ließ sie sich keinesfalls küssen, vor Mitternacht nicht lieben und erst Samstag zur Teezeit war sie ganz sie selbst. Sonntags gammelten wir stillvergnügt vor uns hin, und Montagmorgen um sechs war sie wieder auf und davon.
Lady Emma Louders-Allen-Croft, Tochter, Schwester und Tante von Herzögen, hielt viel vom, wie sie es nannte, Ethos der berufstätigen Frau. Sie arbeitete ganztags, ohne Vergünstigungen, in einem gutgehenden Londoner Warenhaus, wo sie trotz ihres Strebens nach sozialer Benachteiligung kürzlich zur Einkäuferin für Bettwäsche in der zweiten Etage befördert worden war. Emma, mit überdurchschnittlichen organisatorischen Fähigkeiten ausgestattet, grämte sich über ihren Aufstieg; diese Art Geistesverwirrung konnte man in direkter Linie bis zu ihrer Schulzeit zurückverfolgen, wo sie in einem teuren Institut für höhere Töchter im stramm linksgerichteten Soziologieunterricht gelernt hatte, daß Verstand elitär, manuelle Arbeit hingegen der direkte Weg zur Seligkeit sei.
Ihr Trachten nach Aufopferung hatte zu kräftezehrenden Jahren als Kellnerin in Cafes und Verkäuferin in verschiedenen Läden geführt, schien aber ungebrochen. Ohne Stellung wäre sie keineswegs verhungert, hätte sich aber möglicherweise dem Alkohol oder Rauschgift ergeben.
