Ich war, wie sie wußte, der Ansicht, daß jemand mit ihren Fähigkeiten eine vernünftige Ausbildung hätte haben oder wenigstens die Universität besuchen sollen, um mehr als nur ein Paar Hände beizutragen, aber ich hatte gelernt, nicht darüber zu reden, weil das eines der vielen heiklen

Themen war, die nur dazu führten, daß sie tobte und schmollte.

»Warum gibst du dich bloß mit dieser verdrehten Schraube ab?« pflegte mein Stiefbruder zu fragen. Weil, wie ich ihm nicht sagte, eine Dosis unverfälschter Lebenskraft alle paar Wochen besser für den Kreislauf war als sein monotones tägliches Jogging.

Emma schaute in den Kühlschrank, dessen Licht auf ihr feinknochiges Gesicht und das platinblonde Haar fiel. Ihre Augenbrauen waren so hell, daß sie ohne Augenbrauenstift unsichtbar blieben, ebenso wie ihre Wimpern ohne Tusche. Manchmal schminkte sie sich die Augen in allen Regenbogenfarben; manchmal, wie heute abend, ließ sie der Natur ihren Lauf. Es kam darauf an, welcher Idee sie augenblicklich huldigte.

»Hast du keinen Joghurt?« fragte sie.

Ich seufzte. Von dem gesunden Zeug hielt ich nichts.

»Nein. Und auch keine Weizenkeime«, erklärte ich.

»Kelp«, berichtigte sie.

»Was?«

»Seetang. In Tablettenform. Sehr gesund.«

»Zweifellos.«

»Apfelessig. Honig. Biologisch angebautes Gemüse.«

»Und Avocados und Palmenherzen sind passe?«

Sie holte ein Stück holländischen Käse heraus und betrachtete es mißbilligend. »Die sind importiert. Importe müssen eingeschränkt werden.«

»Und was ist mit Kaviar?«

»Kaviar ist unmoralisch.«

»Auch wenn er reichlich und billig zu haben wäre?«

»Hör auf, mir zu widersprechen. Was wollte dein

Besucher? Ist die creme caramel zum Abendessen?«

»Ja«, sagte ich. »Er wollte, daß ich nach Moskau fahre.«



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