«Gut.«

«Wie geht’s der Dame?«fragte ich.

«Wem? Ach so. Der mußte ich Harrison bis nach Newmarket mitgeben. Sie war wieder halb ausgerastet. Haben Sie Ihren Mann noch im Visier?«

«Ja.«

«Ich rufe Sie zurück.«

Harrison war einer von Millingtons regulärer Truppe, ein Expolizist, dick, onkelhaft, kurz vor der Rente. Ich hatte noch nie mit ihm gesprochen, kannte ihn vom Sehen aber gut, wie alle anderen auch. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte, zu einer Mannschaft zu gehören, die nicht wußte, daß ich da war; fast so, als wäre ich ein Geist.

Ich fiel nie auf. Ich war neunundzwanzig, einsdreiundachtzig groß, hatte braune Haare, braune Augen, war 76 Kilo schwer und, wie man sagt, ohne besondere Kennzeichen. Stets ging ich in der Menge der Rennbahnbesucher auf, schaute in mein Programm, wanderte umher, sah mir Pferde an, schaute den Rennen zu, schloß die eine oder andere Wette ab. Es war einfach, weil es immer von Leuten wimmelte, die genau das gleiche machten. Ich war ein Schaf, das mit der Herde zog. Ich änderte meine Kleidung und mein Erscheinungsbild von Tag zu Tag, schloß keine Bekanntschaften, und solch ein Leben war oft einsam, aber auch faszinierend.

Ich kannte sämtliche Jockeys und Trainer vom Sehen und sehr viele Besitzer, denn dazu brauchte man nur Augen und die Rennprogramme, aber ich wußte auch aus der Erinnerung viel über sie, da ich meine Kinder- und Jugendjahre weitgehend auf Rennplätzen zugebracht hatte, im Schlepptau einer rennbegeisterten älteren Tante, bei der ich aufgewachsen war. Durch ihre Kenntnisse und ihre Erzähllust war ich zu einer echten wandelnden Datenbank geworden; und mit achtzehn, nach ihrem Tod, war ich dann für sieben Jahre durch die Welt gereist. Als ich zurückkam, sah ich dem unreifen Jugendlichen, der ich gewesen war, nicht mehr ähnlich, und die Augen der Leute, die mich als Kind flüchtig gekannt hatten, glitten ahnungslos über mich hinweg.



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