
Aber das liegt nicht an dem Bundesstaat.
Wenn ich bei meinen kleinen Schwestern bin, muss ich wieder an den kaputten Wohnwagen in Texarkana denken. Der, in dem Tolliver und ich mit seinem Vater, meiner Mutter, seinem Bruder, meiner Schwester und unseren beiden gemeinsamen Geschwistern lebten. Als die Familie auseinanderbrach, waren sie mehr oder weniger noch Babys.
Das ausgeklügelte Täuschungsmanöver, das wir größeren Kinder mehrere Jahre aufrechterhalten hatten, war aufgeflogen, als meine ältere Schwester Cameron verschwand. Da waren unsere unschönen familiären Verhältnisse an die Öffentlichkeit gelangt, woraufhin man uns unsere kleinen Schwestern weggenommen hatte. Tolliver war zu seinem Bruder Mark gezogen, und ich war in eine Pflegefamilie gekommen.
Die beiden kleinen Mädchen konnten sich nicht mal mehr an Cameron erinnern. Ich hatte sie beim letzten Besuch danach gefragt. Die Mädchen lebten bei Tante Iona und Onkel Hank, die uns ungern besuchen. Aber wir besuchen sie. Mariella und Grace, genannt Gracie, sind unsere Schwestern, und sie sollen wissen, dass wir auch ihre Familie sind.
Ich stützte mich auf, um Tolliver beim Abtrocknen zuzusehen. Er hatte die Badezimmertür beim Duschen aufgelassen, denn sonst beschlug der Spiegel so sehr, dass er sich nicht mehr rasieren konnte.
Wir sehen uns ähnlich. Wir sind beide dünn und dunkelhaarig. Unser Haar ist sogar etwa gleich lang. Seine Augen sind braun, meine dunkelgrau. Aber Tollivers Haut ist voller Aknenarben, weil ihn sein Vater nicht zum Dermatologen schicken wollte. Sein Gesicht ist schmaler, und er trägt oft einen Schnurrbart. Er hasst es, etwas anderes als Jeans und Hemden anzuziehen, während ich mich gern ein bisschen hübsch mache. Schließlich besitze ich die »Gabe«, und da erwartet man das mehr oder weniger von mir. Tolliver ist mein Manager, mein Berater, mein Halt und seit einigen Wochen auch mein Liebhaber.
