Ich sah die Straße hinauf und hinunter. Es waren weder Autos noch Fußgänger in Sicht. In sicherer Entfernung suchte ich einen festen Stand und warf den Stein. Ich musste ihn zweimal aufheben und das Ganze wiederholen, bevor das Glas barst und die Alarmanlage losging. Ich rannte davon und musste der Polizei Respekt zollen: Kaum hatte ich den Motel-Parkplatz erreicht, verließ auch schon ein Streifenwagen den Autobahnzubringer, raste am Motel vorbei und nahm Kurs auf das Gewerbegebiet.

Eine Stunde später schminkte ich mich gerade vor dem Spiegel. Ich hatte ausgiebig geduscht, und natürlich war Tolliver noch mal zu mir in die Kabine gehüpft, um mir »beim Haarewaschen« zu helfen.

Ich beugte mich über das Waschbecken, um in den Spiegel zu starren und meinen Eyeliner aufzutragen. Obwohl ich erst vierundzwanzig war, musste ich inzwischen näher an den Spiegel heran. Bei der nächsten Augenuntersuchung würde mir mein Arzt bestimmt sagen, dass ich eine Brille brauchte. Ich bin nie eitel gewesen, doch die Vorstellung, eine Brille zu tragen, gab mir einen Stich. Vielleicht Kontaktlinsen? Aber bei dem Gedanken, mir was ins Auge zu tun, bekam ich Gänsehaut.

Immer wenn ich darüber nachdachte, fürchtete ich mich vor den Kosten für die Sehhilfe. Wir sparten jeden Cent für das Haus, das wir hier unweit von Dallas kaufen wollten. St. Louis war zwar beruflich geschickter, weil zentraler gelegen, aber wenn wir in Dallas wohnten, könnten wir unsere Schwestern öfter sehen. Iona und Hank wären wahrscheinlich wenig begeistert. Wer weiß, welche Hindernisse sie uns noch in den Weg legen würden. Sie hatten die Mädchen offiziell adoptiert. Aber vielleicht konnten wir sie davon überzeugen, dass es den Mädchen guttun würde, uns zu sehen. So wie es auch uns guttat, sie zu sehen.

Tolliver kam ins Bad und blieb kurz stehen, um mich auf die Schulter zu küssen. Ich lächelte, als sich unsere Blicke im Spiegel trafen.

»Unten auf der Straße ist Polizei zu sehen«, sagte er. »Hast du irgendeine Erklärung dafür?«



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