
»Bist du eine böse Frau, Tante Harper?«, fragte Gracie. Die Frage kam aus heiterem Himmel.
Diese »Tante«-Anrede stammte von Iona. Sie fand, dass wir so viel älter waren als unsere Schwestern, dass sie uns respektvoll anreden sollten. Aber das war nicht der Grund, warum ich so entgeistert war. »Ich bemühe mich, nicht böse zu sein«, sagte ich, um etwas Zeit zu schinden, bis ich den Grund ihrer Frage kannte.
Iona beschäftigte sich mit ihrem Kaffee und hörte nicht auf, mit einem Löffel darin zu rühren. Ich spürte, wie sich meine Mundwinkel senkten, und ich strengte mich an, kein böses Wort zu verlieren. Als klar wurde, dass Iona so tat, als ginge sie das Ganze nichts an, fuhr ich fort: »Ich versuche aufrichtig zu den Menschen zu sein, für die ich arbeite«, sagte ich. »Ich glaube an Gott.« (Aber mit Sicherheit nicht an denselben Gott wie Iona.) »Ich arbeite hart, und ich zahle meine Steuern. Ich bin so gut, wie ich kann.« Und das war die Wahrheit.
»Aber wenn du Geld von Leuten nimmst, ohne dein Versprechen einzulösen, ist das doch böse, oder?«, sagte Gracie.
»Natürlich ist das böse«, schaltete sich Tolliver ein. »So etwas nennt man Betrug, und das würden Harper und ich niemals tun.« Seine dunklen Augen bohrten sich in Iona. Auch Gracie schaute ihre Adoptivmutter an. Bestimmt sahen sie zwei ganz verschiedene Menschen.
Iona wich unseren Blicken nach wie vor aus und rührte immer noch in ihrem verdammten Kaffee.
