
Pilar war nicht in dem Glauben erzogen worden, mit unbekannten Männern zu sprechen sei ein Verbrechen. Sie konnte sehr gut auf sich aufpassen, aber ein strenger Sittenkodex war ihr fremd.
Wäre Stephen in England aufgewachsen, dann hätte er sich vermutlich bei diesem Gespräch mit einer jungen Frau denkbar unbehaglich gefühlt. Aber Stephen war ein liebenswürdiger Mensch, und so fand er es durchaus natürlich, dass man miteinander redete, wenn man Lust dazu hatte.
Er lächelte verständnisinnig. «London ist eine grässliche Stadt, oder finden Sie das vielleicht nicht?»
«O doch! Ich mag sie gar nicht.» Pilar sah ihn an. «Sie sind kein Engländer, nicht wahr?»
«Ich bin Brite, aber aus Südafrika.»
«Ach so. Das erklärt alles.»
«Und Sie kommen auch aus dem Ausland?»
Pilar nickte. «Ich komme aus Spanien.»
«Aus Spanien?» Stephen war sehr interessiert. «Dann sind Sie also Spanierin?»
«Halb und halb. Meine Mutter war Engländerin. Deshalb spreche ich Englisch.»
«Wie steht es mit dem Krieg in Spanien?»
«Es ist schrecklich, sehr, sehr traurig. So viele Zerstörungen überall.»
«Auf welcher Seite stehen Sie?»
Pilars politische Anschauungen schienen reichlich unklar zu sein. In dem Dorf, aus welchem sie komme, erklärte sie, habe sich niemand viel um den Krieg gekümmert. «Er spielt sich nicht in unserer Nähe ab, wissen Sie. Der Bürgermeister ist natürlich ein Regierungsbeamter, und der Pfarrer ist für General Franco, aber die meisten Leute haben mit ihren Weinbergen und den Feldern zu tun und zerbrechen sich nicht den Kopf über solche Fragen.»
«Also haben Sie keine direkten Kampfhandlungen erlebt?»
«Daheim nicht. Aber dann fuhr ich im Auto durch das Land, und dort sah ich viele Zerstörungen. Und eine Bombe kam herunter, direkt auf ein anderes Auto, und eine zweite fiel in ein Wohnhaus. Es war alles sehr aufregend.»
