
Stephen lächelte verstohlen.
«Aufregend ist es Ihnen vorgekommen?»
«Ja, aber auch ärgerlich. Weil ich doch vorwärts kommen wollte, und dann wurde der Chauffeur meines Wagens getötet.»
«Und hat Sie das nicht sehr bekümmert?»
Pilars große dunkle Augen weiteten sich erstaunt. «Jeder muss einmal sterben. Wenn es so schnell geschieht, aus heiterem Himmel – bums! –, dann ist das ein ebenso schöner Tod wie jeder andere. Eine Zeit lang lebt man, und dann ist man tot. Das ist der Lauf der Welt.»
Stephen lachte. «Pazifistin sind Sie also nicht.»
«Ich bin keine – was?» Das Wort war noch nicht in Pilars Vokabular gedrungen.
«Sie vergeben Ihren Feinden nicht, Señorita?»
Pilar schüttelte den Kopf. «Ich habe keine Feinde, aber wenn ich welche hätte…»
Er betrachtete sie, von neuem gefesselt von dem grausam emporgezogenen Mund.
«Wenn ich einen Feind hätte, der mich hasste und den ich hassen würde, dann würde ich ihm die Gurgel durchschneiden – so!» Sie unterstrich ihren Gedanken mit einer beredten Bewegung.
Diese schnelle, erbarmungslose Geste ließ Stephen sekundenlang zurückfahren. «Sie sind eine blutrünstige junge Frau.»
«Was würden denn Sie einem Feind antun?», fragte Pilar sachlich.
Er sah sie verblüfft an, musste dann lachen und sagte: «Ich weiß es nicht… Ich weiß es wirklich nicht.»
Pilar blickte ihn missbilligend an. «Aber das müssen Sie doch wissen.»
Er hörte zu lachen auf, holte tief Atem und sagte leise: «Ja. Ich weiß es…»
Dann wechselte er rasch das Thema und fragte obenhin: «Was hat Sie denn nach England geführt?»
«Ich besuche meine englischen Verwandten», antwortete Pilar, nun wieder etwas zurückhaltender.
Stephen lehnte sich in seinem Sitz zurück und stellte sich vor, wer ihre Verwandten wohl sein mochten und wie sich dieses heißblütige Geschöpf inmitten eines steifen englischen Familienkreises beim Weihnachtsfest ausnehmen werde.
