Es war nur ein Katzensprung den Flur entlang zu einem fensterlosen, aber trockenen Lagerraum. Kein Verlies, gewiss, aber auch kein Gästezimmer. Die Auswahl dieses Gefängnisses zeugte von einer tiefen Unsicherheit über den Status seiner Bewohnerin. Ulkra klopfte an die Tür und rief: »Werte Dame? Ihr habt einen Besucher.« Dann schloss er die Tür auf und öffnete sie. Ingrey trat ein.

Aus der Dunkelheit glühte ihm ein Augenpaar entgegen, wie das einer Raubkatze, versteckt im Dickicht eines raunenden Waldes. Ingrey schreckte zurück, und seine Hand fuhr zum Schwertgriff. Die Klinge klirrte und war bereits zur Hälfte blankgezogen, als Ingreys Musikantenknochen gegen den Türpfosten schlug und brennender Schmerz von der Schulter bis in die Fingerspitzen schoss. Er trat zurück, um ausholen und zuschlagen zu können.

Bestürzt umklammerte Ulkra seinen Unterarm. Der Haushofmeister blickte ihn befremdet an.

Ingrey stockte und riss sich ruckartig los, damit Ulkra sein Zittern nicht bemerkte. Mit aller Macht hielt er das wilde Verlangen nieder, das durch seine Glieder tobte, und verfluchte von neuem sein Vermächtnis. Er war schon lange nicht mehr davon überrascht worden, schon seit … seit langer Zeit. Ich stelle mich dir entgegen, innerer Wolf. Du wirst nicht die Oberhand gewinnen. Er schob die Klinge zurück in die Schwertscheide, drückte sie fest, löste langsam die Finger vom Heft und presste die Handfläche glatt gegen den lederumhüllten Oberschenkel.

Er starrte abermals in die kleine Kammer und mahnte sich zur Vernunft. Aus den Schatten erhob sich die Silhouette einer jungen Frau von einem strohgefüllten Lager am Boden. Bettzeug war ausreichend vorhanden, eine daunengefüllte Steppdecke, dazu eine Schale mit einem Wasserkrug sowie ein abgedeckter Nachttopf. Für ihre Bedürfnisse war ausreichend gesorgt. Diese Zelle diente vorerst der sicheren Verwahrung, noch nicht der Bestrafung.

Ingrey befeuchtete sich die trockenen Lippen. »Ich kann Euch in diesem finsteren Winkel nicht erkennen.« Und was ich gesehen habe, kann ich nicht akzeptieren. »Kommt näher zum Licht.«



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