
Sie war weder durcheinander noch weinte sie, zumindest hatte sie in jüngster Zeit keine Träne vergossen. Auch wirkte sie keinesfalls verwirrt. Vier Tage in der kleinen Kammer hatten ihr anscheinend geholfen, die Gedanken zu ordnen und sich zu sammeln. Doch ihre Stimme klang angespannt, und ein schwacher Unterton verriet Angst oder Zorn. Ingrey blickte sich suchend in dem kahlen Raum um und schaute dann zu Ulkra. »Führt uns zu einem Ort, wo wir sitzen und reden können. Ein wenig abseits und erleuchtet.«
»Hm … hm …« Nach einer kurzen Denkpause winkte Ulkra sie mit sich. Er wandte dem Mädchen ohne Zögern den Rücken zu, fiel Ingrey auf. Sie war also keine Gefangene, die sich wehrte, biss oder kratzte. Sie folgte Ingrey ruhigen Schrittes.
Am Ende des nächsten Korridors wies Ulkra auf einen Erker mit Blick auf die Rückseite der Burg. »Wie wäre es hiermit, Herr?«
»Das ist gut.« Ingrey stockte, als Lady Ijada anmutig die Röcke lupfte und sich auf der blank polierten Holzbank unter dem Fenster niederließ. Sollte er Ulkra als Zeugen dabehalten oder ihn entlassen, um einer freimütigen Aussage willen? Musste er damit rechnen, dass das Mädchen erneut gewalttätig wurde? Das ungebetene Bild von Ulkra, wie er sich in dem Gang über ihnen in der Finsternis zusammenkauerte und darauf wartete, dass die Schreie verstummten, plagte Ingrey. »Ihr könnt Euch wieder Euren Pflichten zuwenden, Haushofmeister. Ich erwarte Euch in einer halben Stunde zurück.«
Ulkra verharrte unschlüssig und blickte mit finsterer Miene auf das Mädchen. Dann aber verbeugte er sich und verschwand. Bolesos Gefolgsleute waren es nicht gewohnt, die Anweisungen eines Vorgesetzten zu hinterfragen, befand Ingrey. Oder vielleicht war der Prinz einfach jeden, der so etwas wagte, auf die eine oder andere Weise losgeworden, und dies waren nur die Übriggebliebenen. Bodensatz. Abschaum.
Ein bisschen unsicher, weil die Länge der Bank nur wenig Platz zwischen ihnen ließ, setzte Ingrey sich neben Lady Ijada.
