Auf den ersten Blick hatte er sie für hübsch gehalten, doch jetzt erkannte er, dass dieses Urteil voreilig gewesen war: Das Mädchen war eine strahlende Schönheit! Wenn Boleso nicht ebenso blind wie verrückt geworden war, musste sie ihm auf Anhieb aufgefallen sein. Eine großzügige Stirn, eine gerade Nase, ein schön geformtes Kinn … Ein bläulicher, runder Fleck prangte über einer ihrer Wangen, und ein Muster aus violetten Druckstellen umkränzte ihren schlanken Hals.

Ingrey hob die Hand und tastete sanft über die Verfärbungen. Sie zuckte ein wenig zurück, erduldete dann aber die Berührung. Wie es schien, waren Bolesos Hände ein wenig größer als seine gewesen. Die Haut unter seinen Fingern war warm, bezaubernd, erregend. Ein goldener Schleier schien seine Sinne zu vernebeln. Sein Griff wurde fester — und dann riss er die Hände fort. Ihr erschrockenes Aufkeuchen verbarg seinen erstickten Schreckenslaut. Er presste die Hände auf die Knie. Was war denn das …?

Um seine eigene Verwirrung zu überspielen, stieß er hervor: »Ich bin ein Beauftragter des königlichen Siegelbewahrers. Ich habe ihm alles zu vermelden, was ich hier sehe oder höre. Sagt mir die Wahrheit über das, was an diesem Ort geschehen ist. Beginnt am Anfang.«

Sie lehnte sich zurück, und ihr erstauntes Blinzeln verwandelte sich in einen durchdringenden Blick. Er fing ihren Duft auf, weder Parfüm noch Blut, sondern den einer erwachsenen Frau. Angesichts ihres Starrens fragte er sich zum ersten Mal, wie er für sie wohl aussehen und riechen musste. Pferdegeruch, kaltes Eisen und schweißgetränktes Leder, ein stoppelbärtiges Kinn. Erschöpft, beladen mit Schwert und Dolch und gefahrvollen Pflichten. Warum schreckte sie nicht heftiger vor ihm zurück?

»Welcher Anfang?«, wollte sie wissen.

Einen Moment lang war er aus dem Konzept gebracht. »Ich würde sagen, von Eurer Ankunft hier in Keilerkopf an.« Gab es einen anderen Beginn? Auf diese Frage sollte er später noch einmal zurückkommen.



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