
Nicht mehr. Wenn sie nicht unschuldig war, so war sie zumindest sehr naiv. Lady Ijada, Ihr habt keine Ahnung, wem Ihr entgegentretet.
Schritte erklangen auf den Dielen, und als Ingrey aufschaute, sah er Ulkra näher kommen. Der Ritter brachte das Kunststück zuwege, bedrohlich und kriecherisch zugleich zu wirken.
»Wie lauten Eure Wünsche?«, fragte er unruhig.
Irgendwo anders zu sein, und irgendetwas anderes zu tun, dachte Ingrey.
Er hatte mehr als zwei Tage im Sattel verbracht und war einfach zu müde, um heute auch nur eine Meile weiterzureiten. Boleso würde es auch nicht eilig haben, zu seiner Beerdigung zu kommen und sich dem göttlichen Ratschluss zu stellen. Außerdem war Ingrey nicht gerade begierig darauf, dieses verfluchte, arglose Mädchen vor das irdische Gericht zu bringen. Sie hatte nicht genug Angst vor den wahren Gefahren. Mochten die fünf Götter ihr beistehen, aber sie schien sich vor gar nichts zu fürchten.
»Gebt Ihr mir Euer Wort, keinen Fluchtversuch zu unternehmen, wenn ich Eure Haft erleichtere?«
»Natürlich«, erwiderte sie, als wäre sie überrascht, dass er überhaupt gefragt hatte.
Ingrey winkte dem Haushofmeister. »Besorgt ihr ein standesgemäßes Zimmer. Gebt ihr ihre Habseligkeiten zurück. Und treibt eine angemessene Zofe auf, die Lady Ijada aufwarten und ihr beim Packen helfen kann — falls sich an diesem Ort so jemand finden lässt. Morgen, beim ersten Tageslicht, brechen wir zusammen mit Bolesos Leichnam nach Ostheim auf.«
»Ja, Herr«, sagte Ulkra und neigte den Kopf, in stillem Einverständnis und mit einem Hauch von Erleichterung.
Dann kam Ingrey noch ein Gedanke. »Sind irgendwelche Mitglieder des Haushalts nach Bolesos Tod geflohen?«
»Nein, Herr. Warum wollt Ihr das wissen?«
