
ERSTES BUCH
Noelle
Chicago 1919-1939
Jede Großstadt hat ein charakteristisches Image, eine Individualität, die ihr ihren besonderen Stempel aufdrückt. Chicago in den Zwanzigern war ein ruheloser, dynamischer Riese, roh und ohne Manieren, mit einem gestiefelten Fuß noch in der rücksichtslosen Ära jener Industriemagnaten, die seine Geburtshelfer waren: William B. Ogden und John Wentworth, Cyrus McCormick und George M. Pullman. Es war ein Königreich, das den Philip Armours und Gustavus Swifts und Marshall Fields gehörte. Es war der Herrschaftsbereich kalter Berufsgangster wie Hymie Weiss und Scarface Al Capone.
Eine der frühesten Kindheitserinnerungen Catherine Alexanders war, wie ihr Vater sie in eine Bar, deren Boden mit Sägemehl bestreut war, mitnahm und sie auf den schwindelnd hohen Hocker schwang. Sie war fünf Jahre alt und erinnerte sich, wie stolz ihr Vater war, als Fremde um sie herumstanden, um sie zu bewundern. Alle diese Männer bestellten Getränke, und ihr Vater zahlte. Sie erinnerte sich, wie sie ihren kleinen Körper an seinen Arm gedrückt hatte, um sich zu vergewissern, dass er noch da war. Er war erst am Abend zuvor in die Stadt zurückgekehrt, und Catherine wusste, dass er bald wieder abfahren würde. Er war Handlungsreisender und hatte ihr erklärt, seine Arbeit führe ihn in ferne Städte, und manchmal müsse er monatelang von ihr und ihrer Mutter fort sein, damit er ihr hübsche Geschenke mitbringen könne. Catherine hatte verzweifelt versucht, ein Abkommen mit ihm zu treffen. Wenn er bei ihr bliebe, würde sie auf die Geschenke verzichten. Ihr Vater hatte lachend gesagt, sie sei ein frühreifes Kind, und war dann wieder weggefahren. Und es hatte sechs Monate gedauert, bis sie ihn wieder sah. In diesen frühen Jahren schien ihre Mutter, die sie täglich sah, eine verschwommene, gestaltlose
