Schwester Fidelma hatte jedoch mit wachsamem Blick nicht nur Wulfric, sondern auch seine Gefährten im Auge behalten. Während des Wortwechsels hatten sie immer wieder gespannt zu ihrem Führer geschaut, und es war klar, daß sie nur auf seinen Befehl warteten, um sich auf die Reisenden zu stürzen. Deshalb schien ihr Zurückhaltung ratsam. Gefolgt von einem sichtlich erleichterten Bruder Taran und ihren anderen Reisegefährten, lenkte sie ihr Pferd zurück auf den Weg, ließ es jedoch absichtlich im Schritt gehen. Eile würde Angst verraten, und Angst war das letzte, was man einem Rüpel wie Wulfric in einer solchen Lage zeigen durfte.

Zu ihrer Überraschung wurden sie nicht aufgehalten. Wulfric und seine Männer blieben einfach stehen und sahen ihnen nach und wechselten lachend ein paar Worte. Nachdem sie genug Abstand zwischen sich und Wulfrics Bande an der alten Eiche gelegt hatten, wandte sich Fidelma kopfschüttelnd an Taran.

«Dies ist tatsächlich ein wildes, von Heiden bevölkertes Land. Und ich dachte, Northumbrien sei befriedet und würde von Oswiu regiert?»

Es war Schwester Gwid, die Fidelma antwortete. Wie Bruder Taran stammte sie von den Cruthin im Norden ab, die viele auch Pikten nannten. Da Schwester Gwid jedoch mehrere Jahre als Gefangene hier verbracht hatte, kannte sie sich mit den Eigenheiten und der Sprache North-umbriens aus.

«Ihr habt noch viel über dieses Land zu lernen, Schwester Fidelma», begann sie.

Die Herablassung in ihrer Stimme schwand, als Fidelma sie mit funkelnden Augen ansah. «Ach ja? Dann sagt es mir.» Ihre Stimme war so kalt und klar wie das kristallene Wasser eines reißenden Bergbachs.

«Nun», fuhr Gwid in deutlich bescheidenerem Tonfall fort, «Northumbrien wurde einst von den Angeln besiedelt. Sie unterscheiden sich kaum von den Sachsen im Süden des Landes, haben die gleiche Sprache und verehrten die gleichen befremdlichen Götter, bis unsere Missionare ihnen das Wort des einzigen, wahren Gottes brachten. Aber es wurden zwei Königreiche gegründet, Bernicia im Norden und Deira im Süden. Erst vor sechzig Jahren wurden sie zu dem Königreich vereint, das jetzt Oswiu regiert. Und Oswiu hat seinen Sohn Alhfrith zum Unterkönig von Deira ernannt. Ist es nicht so, Bruder Taran?»



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