Dafür hat er mit dem Trinken angefangen. Hat sich schließlich zu Tode gesoffen, zur Erleichterung aller, die ihn kannten — die Götter mögen seiner Seele gnädig sein.« Sie schlug das heilige Zeichen, indem sie die Hand zur Stirn führte, dann zu den Lippen, zum Nabel, zur Leiste und schließlich zum Herzen, wobei sie die Finger über der drallen Brust weit spreizte. Dann schürzte sie die Lippen, hob ihr Kinn und ihre Stimme und rief neugierig: »Aber jetzt, wo ich darüber nachdenke — Ihr habt uns nie erzählt, welchen Wunsch Ihr den Göttern vortragen wollt, Hochwürden!«

Der Geistliche legte einen Finger auf die Buchseite, blickte auf und meinte: »Nein, das habe ich wohl nicht.«

»Beten geweihte Leute nicht immer darum, dass sie ihrem Gott begegnen?«, warf der Kaufmann ein.

»Ich jedenfalls habe schon oft darum gebetet, dass die Göttin mein Herz berühren möge«, erwiderte die Revisorin der Mutter. »Sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen, wäre das höchste Ziel meiner spirituellen Entwicklung. Tatsächlich habe ich schon oft geglaubt, ihre Nähe zu spüren.«

Wer die Götter von Angesicht zu Angesicht sehen will, muss ein auserlesener Dummkopf sein, dachte Ista bei sich. Obwohl die Götter nach ihrer Erfahrung nicht eben wählerisch waren und den Dummkopf ebenso heimsuchen konnten wie den Weisen.

»Um das zu erreichen, müsst Ihr nicht erst lange beten«, sagte der Geistliche. »Ihr müsst bloß sterben. Das ist nicht weiter schwierig.« Er rieb sich das Doppelkinn. »Genau genommen ist es sogar unvermeidlich.«

»Ich möchte gern von den Göttern zu Lebzeiten berührt werden«, gab die Revisorin kühl zurück. »Das ist die Gnade, nach der wir alle uns sehnen.«

Ist es nicht. Würdest du in diesem Augenblick tatsächlich die Mutter vor dir sehen, Frau, würdest du jammernd und klagend durch den Schlamm der Straße kriechen und tagelang nicht aufstehen. Ista wurde klar, dass der Geistliche sie neugierig aus den Augenwinkeln beobachtete.



15 из 546