
Das Mädchen streckte sich, verstaute wieder ihre Tasche und betrachtete prüfend die Beine und Hufe ihres Reittiers. Dann übergab sie es dem Knecht mit einer Reihe von Anweisungen. Ista wurde sich bewusst, dass das Kammerfräulein ihr über die Schulter blickte.
Einer Eingebung folgend sagte Ista: »Ich möchte mit der Botin sprechen. Bringt sie zu mir.«
»Herrin, sie hatte nur diesen einen Brief.«
»Nun, dann muss sie mir die Neuigkeiten vom Hof wohl mündlich übermitteln.«
Die Zofe schnaubte. »So ein ungehobeltes Ding dürfte mit den Belangen der Hofdamen in Cardegoss wohl kaum vertraut sein.«
»Sei es, wie es sein mag. Bringt sie zu mir.«
Vielleicht lag es an ihrem scharfen Tonfall, jedenfalls machte die Frau sich auf den Weg.
Nach einer Weile erklangen feste Schritte vom Flur her, und der Geruch nach Pferden und Leder breitete sich in Istas Wohngemach aus und kündete von der Ankunft des Mädchens, noch bevor die missbilligende Stimme ihrer Zofe zu vernehmen war: »Majestät, hier ist die Botin, nach der Ihr verlangt habt.« Ista wandte sich auf dem im Mauerwerk eingelassenen Sitzplatz um und blickte auf. Sie bedeutete der Zofe mit einer Handbewegung, das Gemach zu verlassen; sie ging hinaus, nachdem sie vorher noch einmal abfällig die Stirn gerunzelt hatte.
Das Mädchen sah Ista neugierig, jedoch ein wenig eingeschüchtert an. Sie brachte eine ungeschickte Bewegung zustande, irgendetwas zwischen einer Verbeugung und einem Knicks. »Wie kann ich Euch zu Diensten sein, Majestät?«
Das wusste Ista selbst kaum zu sagen. »Wie heißt du, Mädchen?«
»Liss, Majestät.« Nach einem Augenblick verlegenen Schweigens fügte sie hinzu: »Eine Abkürzung für Annaliss.«
»Woher kommst du?«
»Heute? Meine Botentasche habe ich in der …«
»Nein, überhaupt.«
