
»Nun, mein Vater besaß ein wenig Land in der Nähe der Stadt Teneret, im Herzogtum Labra. Dort züchtete er Pferde für den Ritterorden des Bruders, und Schafe für die Wolle. Das macht er immer noch, soweit ich weiß.«
Ein vermögender Mann. Es war also nicht Armut gewesen, die sie angetrieben hatte. »Weshalb bist du Kurier geworden?«
»Ich hatte vorher nie daran gedacht. Eines Tages aber ritt ich mit meiner Schwester in die Stadt, um ein paar Pferde am Tempel abzuliefern. Da sah ich ein Mädchen vorbeigaloppieren, das als Kurier für den Orden der Tochter unterwegs war.« Sie lächelte, als wäre es eine sehr erfreuliche Erinnerung. »Von diesem Moment an konnte ich an nichts anderes mehr denken.«
Vielleicht lag es daran, dass sie so überzeugt von ihrer Berufung war, vielleicht lag es aber auch an ihrer Jugend und ihrer Kraft: Das Mädchen war zwar überaus höflich, wirkte aber keineswegs scheu in Gegenwart der Königin. Ista nahm es mit Erleichterung zur Kenntnis. »Hast du denn keine Angst, wenn du so ganz allein auf den Straßen unterwegs bist?«
Sie schüttelte den Kopf so heftig, dass ihr Zopf hin und her schwang. »Ich reite jeder Gefahr davon. Bisher jedenfalls.«
Ista glaubte das gern. Das Mädchen war zwar größer als sie, aber immer noch kleiner und leichter als ein durchschnittlicher Mann — selbst als die drahtigen Burschen, die sonst bevorzugt für den Kurierdienst eingesetzt wurden. Ein Pferd würde ihr Gewicht kaum spüren. »Aber … aber ist es nicht unangenehm? Du musst bei Wind und Wetter reiten, bei Hitze, in der Kälte …«
»Ich bin doch nicht aus Zucker. Der Regen macht mir nichts. Und wenn es schneit, hält mich das Reiten warm. Wenn nötig, kann ich mich auch in meinen Mantel wickeln und unter einem Baum auf dem Boden schlafen. Oder auf dem Baum, wenn die Gegend unsicher aussieht. Obwohl die Pritschen in den Kurierstationen natürlich wärmer sind, nicht so ungemütlich.« Spöttisch kniff sie die Augen zusammen. »Nicht ganz so ungemütlich …«
