Nun bin ich allein.

Ista grübelte über die Einsamkeit nach, und darüber, was sie alles auf dem Weg hierhin verloren hatte. Nacheinander waren ihr Ehemann, ihr Vater, ihr Sohn und nun ihre Mutter vor ihr in den Tod gegangen. Und Iselle, ihre Tochter, wurde von der Königswürde von Chalion in Anspruch genommen.

Ista hatte alle ihre Pflichten erfüllt: Sie war die Tochter ihrer Eltern gewesen, die Ehefrau des erhabenen, unglücklichen Ias, die Mutter ihrer Kinder, und zuletzt die Hüterin ihrer Mutter.

Jetzt bin ich nichts mehr davon.

Wer aber bin ich, wenn die Grenzen meines Lebens nicht mehr fest abgesteckt sind? Wenn all diese Mauern zu Staub zerfallen sind?

Nun, sie blieb immer noch dy Lutez’ Mörderin. Die Einzige dieser kleinen, verschworenen Gemeinschaft, die noch am Leben war. Diese Rolle hatte sie selbst gewählt; das blieb ihr erhalten.

Wieder beugte sie sich zwischen den Zinnen nach vorn. Der raue Stein scheuerte an den lavendelfarbenen Ärmeln ihres Trauergewandes und riss einige Seidenfäden heraus. Die Straße lag im Licht des frühen Tages unter ihr, und sie ließ den Blick darüber schweifen, über die Pflastersteine unter dem Turm und den Hügel hinunter, durch die Stadt, über den Fluss … und wohin dann? Alle Straßen sind in Wahrheit nur eine einzige, hieß es. Ein großes Netz, das über dem Land lag, das sich verästelte und wieder zusammenlief. Und alle Straßen führen in zwei Richtungen, sagte man. Ich möchte einer Straße folgen, die nur in eine Richtung führt, aber niemals zurück.

Ein erschrockener Laut hinter ihr ließ Ista herumfahren. Eine ihrer Zofen stand auf dem Söller und blickte sie aus weit aufgerissenen Augen an, die Hand vor Schreck vor den Mund gehoben. Sie war immer noch außer Atem von dem Aufstieg über die Treppen und lächelte mit unaufrichtiger Fröhlichkeit. »Herrin, ich habe Euch überall gesucht. Wollt … wollt Ihr nicht von der Brüstung zurücktreten …«



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