
Ista lächelte spöttisch. »Beruhigt Euch. Ich habe nicht vor, noch heute den Göttern von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten.« Weder heute noch irgendwann sonst. Nie wieder. »Die Götter und ich, wir stehen nicht auf gutem Fuße.«
Ista ließ sich von der Zofe am Arm fassen und wie zufällig die Zinnen entlang und zur Treppe geleiten. Ista fiel auf, dass ihre Begleiterin sorgsam darauf achtete, zwischen ihrer Herrin und dem Abgrund zu bleiben. Beruhige dich, Frau. So sehr reizen die Pflastersteine im Hof mich nun auch nicht.
Aber die Straße reizt mich.
Diese Erkenntnis überraschte Ista, erschreckte sie beinahe. Der Gedanke war neu für sie. Ein neuer Gedanke, in meinem Kopf? Ihre alten Gedanken wirkten so stumpf und abgenutzt wie eine Strickarbeit, die immer wieder neu geknüpft und aufgeribbelt worden war, bis die Fäden ausfransten. Was sollte sie auf der Straße? Straßen waren für junge Männer, nicht für Damen mittleren Alters. Der arme Waisenjunge schnürt sein Bündel und folgt der Straße, um sein Glück zu suchen … Tausend Geschichten nahmen so ihren Anfang. Sie war nicht arm, und sie war kein Junge, und ganz gewiss hatte sie schon jedes Unglück erlitten, das Leben und Tod ihr bereiten konnten. Immerhin bin ich nun Waise. Ist das nicht Grund genug, die Reise anzutreten?
Sie bogen von der Brustwehr ab und hielten auf den runden Turm zu, in dem eine schmale Wendeltreppe hinunter in den Innenhof und den Garten führte. Ista warf einen letzten Blick auf das struppige Buschwerk und die verkümmerten Bäume, die bis hinauf zur Blendwand der Burg wucherten. Ein Pfad führte aus einem flachen Einschnitt heraus; gerade zerrte ein Dienstbote einen mit Feuerholz beladenen Esel diesen Pfad bis zur Seitenpforte hinauf.
Im immer noch kahlen Rosengarten ihrer verstorbenen Mutter wurde Ista langsamer und widersetzte sich dem Drängen ihrer Zofe. Störrisch ließ sie sich auf einer Bank nieder. »Ich bin müde«, sagte sie. »Ich will hier eine Zeitlang Rast machen. Bringt mir Tee.«
