
»Dann muss ich Eure graue Haare um Verzeihung bitten«, sagte sie mit einer Spur aufrichtiger Reue. »Sie haben es nicht verdient, sich meiner Launen wegen grämen zu müssen. Und der Rest von Euch verdient es ebenso wenig, mein lieber dy Ferrej. Ich wollte einfach nur ein bisschen spazieren gehen.«
»Dann lasst es mich beim nächsten Mal wissen, und ich werde alles vorbereiten.«
»Ich wollte alleine sein.«
»Ihr seid die Königinwitwe von Chalion«, sagte dy Ferrej mit Nachdruck. »Ihr seid die Mutter von Königin Iselle, bei den fünf Göttern! Ihr könnt nicht einfach über die Landstraße streunen wie ein Bauernweib.«
Sie seufzte bei der Vorstellung, ein Bauernweib zu sein und nicht mehr die geplagte, gepeinigte Ista. Obwohl sie nicht daran zweifelte, dass auch Bauernweiber schlimme Schicksalsschläge erlitten und dabei viel weniger Anteilnahme erfuhren als sie. Doch es führte zu nichts, wenn sie mit dy Ferrej mitten auf der Straße darüber diskutierte. Der Reitknecht stieg ab, und Ista ließ sich auf den Pferderücken helfen. Ihre Kleider waren nicht zum Reiten gedacht und bauschten sich störend um ihre Beine, während sie mit den Füßen nach den Steigbügeln suchte. Als der Reitknecht die Zügel ergriff und Anstalten machte, ihr Pferd zu führen, blickte sie erneut missmutig drein.
Dy Ferrej beugte sich über den Sattelbaum nach vorn und umfasste tröstend ihre Hände, als er die Tränen in ihren Augen bemerkte. »Ich weiß ja«, murmelte er verständnisvoll. »Der Tod Eurer Frau Mutter war für uns alle ein großer Verlust.«
Ich habe schon vor Wochen aufgehört, Tränen um sie zu vergießen, dy Ferrej.
Vor langer Zeit hatte sie einen Eid abgelegt, nie wieder um etwas zu weinen oder zu beten. Doch während jener letzten schrecklichen Tage am Krankenbett ihrer Mutter hatten sie beide Schwüre gebrochen. Dann aber hatten sowohl Tränen wie auch Gebete ihren Sinn verloren. Ista beschloss, dem Majordomus weitere Sorgen zu ersparen und ihn nicht wissen zu lassen, dass sie um ihr eigenes Schicksal weinte, und nicht vor Kummer, sondern eher vor Zorn. Sollte er ruhig annehmen, dass sie vor Trauer außer sich war; die Trauerzeit ging vorbei.
