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Smorrall Lane war nur ein paar hundert Meter von Anne Hendriks Haus entfernt, dennoch lagen Welten dazwischen. Die enge, gewundene, schmutzige Gasse bestand aus einer Reihe verdreckter und heruntergekommener Gebäude, die sich altersschwach aneinanderlehnten wie erschöpfte Freunde. Bordelle, Kneipen und Bratküchen zogen eine untere Klasse von Kunden an, und die, die nächtens durch diese Gasse wankten, waren meistens stockbesoffen oder am Ende ihrer Kräfte. In finsteren Winkeln lauerten Diebe und warteten auf leichte Beute. Frauen boten sich in Toreinfahrten an. Blut mischte sich oft mit Urin und Exkrementen, die auf dem Pflaster Lachen bildeten. Smorrall Lane war leicht zu finden - durch seinen widerlichen Gestank.
Der große, elegant gekleidete junge Mann, der in dieser Nacht durch die Gasse schlich, war keiner der üblichen Besucher. Angewidert rümpfte er die Nase, schritt schnell aus und stieß zwei Betrunkene zur Seite, die gegen ihn taumelten. Als er das Haus erreichte, das er gesucht hatte, blickte er nach oben und entdeckte einen schwachen Lichtschein hinter dem Fenster des zur Straße gelegenen Schlafzimmers. Sein Opfer war zu Hause.
Er klopfte an die Tür, erhielt jedoch keine Antwort. Er sah sich auf der Gasse um, ob er beobachtet wurde, dann glitt er ins Haus und hustete, als er den Staub einatmete. Rasch fand er die Treppe und schlich verstohlen auf ihren knarrenden Stufen nach oben. Er klopfte an die Schlafzimmertür, doch auch diesmal kam keine Antwort. Alles, was er hörte, war ein röchelndes Schnarchen.
Das paßte in seinen Plan. Vorsichtig öffnete er die Tür, glitt ins Zimmer und trat zu der ausgestreckten Gestalt unter den zerlumpten Laken. Der Gestank nach Verwesung stach in seine Nase und drehte ihm den Magen um, brachte ihn jedoch nicht von seinem Ziel ab. Er hockte sich rittlings über den Schläfer, packte ihn mit festem Griff am Hals und drückte mit aller Kraft zu. Der Widerstand war nur schwach. Sein ohnehin geschwächtes Opfer hatte kaum die Kraft, um mit den Armen um sich zu schlagen, und schon bald hingen sie leblos herab.
