Der Besucher verschwand aus dem Raum und tauchte wieder vor dem Haus auf. Mit einem Stück Holzkohle schrieb er etwas an die zerschrammte Haustür.

HERR, ERBARM DICH UNSER.

Dann sah er noch einmal zu dem schwach erleuchteten Fenster hinauf.

»Lebewohl, Gabriel. Ruhe sanft mit den anderen Engeln.«

2. KAPITEL

Miles Melhuish glaubte unbedingt an die Macht des Gebetes. Als Pfarrer von St. Stephen hatte er die beste Gelegenheit, seinen Glauben auf die Probe zu stellen, und der hatte ihn niemals enttäuscht. Gebete hatten Seelen gerettet, Krankheiten geheilt, Tragödien gemildert, er hatte Zuspruch gegeben, die Führung des Himmels bewahrt und seine Gemeinde von sorgenvollen Gedanken befreit. Wenn sein geistliches Amt ihm etwas bewiesen hatte, dann war es die Erkenntnis, daß zehn Minuten auf den Knien viel wirkungsvoller waren als eine Stunde stehend in der Kanzel. Das war der erste Satz in seinem persönlichen Glaubensbekenntnis. Indem er in aller Bescheidenheit mit Gott direkt sprach, erreichte er unendlich mehr, als wenn er die Bürger von Nottingham mit seinen Predigten gepeinigt hätte. Er war ein guter und nachdenklicher Hirte, und seine Schäfchen profitierten davon.

Seine zehn Jahre in der Pfarrei hatten ihn mit allen nur erdenklichen Problemen und Anblicken konfrontiert, doch nichts ließ sich mit dem vergleichen, was ihm jetzt bevorstand. Als er in einer Haltung glückseliger Unterwerfung vor seinem Altar kniete, sandte die sinkende Sonne verklärende Strahlen durch die bleiverglasten bunten Fenster, tauchte sein rundliches Gesicht in ein sanftes Glühen und umgab seinen kahlen Schädel mit einem goldenen Kranz. Als seine Gebete zu Ende waren, zog er sich am Altargitter hoch und beugte die Knie mit würdevoller Behäbigkeit.



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