Richard Honeydew, klein, dünn und mit dem Schmelz der Jugend auf seinen zarten Gesichtszügen, war von der Natur geradezu für weibliche Rollen geschaffen worden. Sein jungenhafter Charme wurde noch liebenswürdiger, wenn er das Geschlecht wechselte; seine ungezwungene Hübschheit verwandelte sich problemlos in die Schönheit einer jungen Frau. Sein dichtes blondes Haar, das meistens unter Perücken verborgen war, drängte sich jetzt unter seiner Mütze hervor. Weil der Junge sich seiner natürlichen Anziehungskraft überhaupt nicht bewußt war, wirkte diese um so stärker.

»Möchtest du gerne mal auf einem Pferd reiten, Dick?«

»Oh, ja, Master Gill.«

»Dann schwing dich hinter mich, Junge.«

»Ist das auch nicht gefährlich, Sir?«

»Wenn du dich ordentlich an meinen Hüften festhältst.«

Barnaby Gill hatte sein Pferd neben den Karren gelenkt und bot dem Jungen jetzt seine behandschuhte Hand. Nicholas mischte sich geschickt ein.

»Ich brauche den Jungen, damit er mir bei den Zügeln hilft.«

»Ach, wirklich«, sagte Barnaby Gill anzüglich.

»Er muß lernen, wie man den Wagen lenkt.«

»Dafür habt Ihr genügend andere Schüler, Mann.«

»Aber keinen, der so geschickt ist wie Richard Honeydew.«

»Kommt schon, laßt mich ihm andere Dinge beibringen.«

»Heute geht er nicht zur Schule, Master Gill.«

Nicholas sprach mit freundlicher Stimme, aber durchaus bestimmt, und der andere zog sich mit einem wütenden Blick zurück. Der Junge ahnte noch nichts von den finsteren Aspekten der Freundschaft, die Barnaby Gill ihm immer mal wieder anbot, und Nicholas mußte sich zu seinem Schutz einmischen. Richard Honeydew, der nichts von dem verstanden hatte, was zwischen den beiden Männern vorgegangen war, fühlte sich ganz einfach enttäuscht, daß er nun nicht reiten durfte.



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