
Sie war sogar in meinen Augen bildhübsch, so daß jeder sie gern in die Arme schloß und ihr alles durchgehen ließ; die Leute blühten in ihrer Gegenwart auf. Erst hinterher, wenn sie buchstäblich mit dem Baby im Arm zurückblieben, meldeten sich Zweifel. Ich wurde ein verschrecktes, stilles Kind, schlich ständig nervös auf Zehenspitzen herum, um niemandem zur Last zu fallen, stets voller Furcht, man könnte mich eines Tages auf der Straße aussetzen.
Rückblickend wurde mir klar, daß ich Samantha, Deborah, Chloe und den anderen eine Menge zu verdanken hatte. Ich mußte nie hungern, wurde nie schlecht behandelt und letztendlich nie total abgelehnt. Gelegentlich nahm jemand mich zwei- oder dreimal auf, manchmal erfreut, meistens resigniert. Als ich drei oder vier war, brach-te mir jemand mit langen Haaren und Armreifen und folkloristischer Kleidung Lesen und Schreiben bei. Aber ich war nie so lange an einem Ort, daß ich richtig zur Schule gehen konnte. Aus diesem außergewöhnlichen, orientierungslosen und entwurzelten Leben kam ich mit zwölf Jahren heraus. Damals wurde ich in mein erstes dauerhaftes Zuhause verfrachtet, fähig zu fast jeder Arbeit, die im Haushalt anfiel, aber unfähig zu lieben.
Sie gab mich bei zwei Fotografen ab, Duncan und Charlie, in deren großem Atelier mit dem nackten Fußboden, der Dunkelkammer, einem Badezimmer, einem Gaskocher und einem Bett hinterm Vorhang.
«Ihr Lieben, paßt doch bitte bis Samstag auf ihn auf, wirklich riesig nett von euch. «Und obwohl in den nächsten drei Jahren Geburtstagskarten und Weihnachtsgeschenke ankamen, sah ich sie in der Zeit nicht wieder. Als Duncan dann auszog, rauschte sie eines Tages herein, holte mich von Charlie weg und brachte mich nach Hampshire zu einem Rennpferdtrainer und seiner Frau. Sie beteuerte ihren überrumpelten Freunden:»Nur bis Samstag, meine Lieben, und er ist fünfzehn und stark, er kann für euch die Ställe ausmisten und all so was.«
