
«Ich will sie nicht sehen«, sagte ich.
«Aber sie liegt im Sterben.«
«Haben Sie sich mit eigenen Augen davon überzeugt?«
«Ähm… nein.«
«Wetten, sie stirbt nicht. Wenn sie mich sehen will, behauptet sie einfach, daß sie bald stirbt, nur um mich einzufangen, weil sie denkt, daß sie mich nur so kriegt.«
Er wirkte schockiert.»Sie ist immerhin achtundsiebzig.«
Ich sah düster in den Dauerregen hinaus. Ich war meiner Großmutter nie begegnet und wollte ihr nie begegnen, weder sterbend noch tot. Ich hielt nichts von Reue am Totenbett, Beteuerungen am Höllentor kurz vor Torschluß. Es war verdammt noch mal zu spät.
«Es bleibt bei nein«, sagte ich.
Er zuckte entmutigt die Achseln und schien aufzugeben. Lief ein paar Schritte in den Regen hinaus, barhäuptig, verwundbar, ohne Schirm. Drehte sich nach zehn Schritten wieder um und kam zögernd näher.
«Hören Sie… mein Onkel sagt, sie braucht Sie wirklich. «Er gab sich ernst und eifrig wie ein Missionar.»Sie können sie nicht einfach sterben lassen.«
«Wo ist sie?«sagte ich.
Er strahlte.»In einem Pflegeheim. «Er kramte in einer anderen Jackentasche.»Ich habe die Adresse. Aber ich bringe Sie hin, jetzt gleich, wenn Sie mitkommen. Es ist in St. Albans. Sie wohnen doch in Lambourn? Es liegt also nicht so sehr weit ab von Ihrem Weg. Jedenfalls keine hundert Kilometer oder so was.«
«Aber immerhin gute fünfzig.«
«Tja… nun ja… Sie sind es ja gewohnt, ziemlich viel durch die Gegend zu fahren.«
Ich seufzte. Eins war so schlimm wie das andere. Eine Wahl zwischen duckmäuserischer Kapitulation und eiskalter Ablehnung. Beides ungenießbar. Daß sie mir seit meiner Geburt eiskalte Ablehnung entgegengebracht hatte, war wohl keine Entschuldigung für mich, sie auf dem Sterbebett genauso zu behandeln. Ich konnte sie auch kaum weiterhin selbstgefällig verachten, wie ich es jahre-lang getan hatte, wenn ich ihrem Vorbild folgte. Ärgerlich!
