Vieles, was er beobachtet, dünkt ihn vulgär, obszön oder barbarisch, doch er vergeudet wenig Zeit mit Entrüstung; sobald er seine Mißbilligung kundtut, wendet er sich sofort wieder dem ungerührten Beobachten zu. Und er berichtet von dem, was er sieht, mit bemerkenswert wenig Herablassung. Seine Art des Berichtens mag nach westlichem Empfinden exzentrisch erscheinen; er erzählt eine Geschichte nicht so, wie wir sie zu hören gewohnt sind. Wir vergessen nur zu gerne, daß unser Sinn für Dramatik einer mündlichen Tradition entstammt - dem Auftritt eines Barden vor einem Publikum, das häufig unruhig oder ungeduldig war, oder auch schläfrig von einem schweren Mahl. Unsere ältesten Erzählungen, die Ilias, der Beowulf, das Rolandslied, waren ausnahmslos für den Vortrag durch Sänger bestimmt, deren hauptsächliche Funktion und vornehmliche Pflicht die Unterhaltung war.

Doch Ibn Fadlan war ein Schriftsteller, und sein oberstes Ziel war nicht die Unterhaltung. Ebenso wenig war es die Glorifizierung eines zuhörenden Gönners oder die Untermauerung von Mythen der Gesellschaft, in der er lebte. Er war im Gegenteil ein Gesandter, der einen Bericht erstattete; dem Tonfall nach ist er ein Steuerprüfer, kein Barde; ein Anthropologe, kein Dramatiker. Häufig vernachlässigt er sogar eher die spannendsten Elemente seiner Erzählung, als sich von ihnen in seinem klaren und ausgewogenen Bericht beeinträchtigen zu lassen.

Zeitweise ist diese Objektivität so irritierend, daß wir übersehen, welch ein außerordentlicher Beobachter er wirklich ist. Hunderte von Jahren nach Ibn Fadlan war es unter Reisenden noch durchaus üblich, hemmungslos spekulative und phantastische Aufzeichnungen von fremden Wunderdingen zu verfassen - sprechende Tiere, gefiederte Menschen, die fliegen konnten, Begegnungen mit Riesentieren und Einhörnern. Noch bis vor zweihundert Jahren füllten ansonsten nüchterne Europäer ihre Reisetagebücher mit Nonsens wie afrikanischen Pavianen, die Krieg gegen Bauern führten, und so weiter.



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