Moderne Gelehrte räumen ein, daß derart grauenerregende Berichte von Wikingerüberfällen stark übertrieben sind. Aber nach wie vor neigen europäische Autoren dazu, die Skandinavier als blutrünstige Barbaren ohne jeden Einfluß auf die großen Strömungen westlicher Kultur und Gedankenwelt abzustempeln. Häufig geschah dies zu Lasten einer gewissen Logik. So schreibt zum Beispiel David Talbot Rice:

Tatsächlich waren die Wikinger vom achten bis zum elften Jahrhundert wahrscheinlich einflußreicher als jede andere ethnische Gruppe in Westeuropa ... Die Wikinger waren somit große Fahrensleute, und sie vollbrachten herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Seefahrt; ihre Städte waren große Handelszentren; ihre Kunst war originell, kreativ und einflußreich; sie rühmten sich einer herrlichen Literatur und einer hochentwickelten Kultur. Handelte es sich also wirklich um eine Zivilisation? Man muß, so meine ich, einräumen, daß dies nicht so war ... Nicht vorhanden war ein Hauch von Humanismus, der das Kennzeichen einer wirklichen Zivilisation ist.

Dieselbe Haltung spiegelt sich auch in der Ansicht von Lord Clark wider:

Wenn man die islandischen Sagas bedenkt, welche zu den großen Büchern dieser Welt zählen, muß man einräumen, daß die Normannen eine Kultur hervorbrachten. Doch handelte es sich auch um eine Zivilisation? ... Zivilisation bedeutet etwas mehr als Energie und Willen und schöpferische Kraft: etwas, das die frühen Normannen nicht besaßen, was aber, selbst zu ihrer Zeit, in Westeuropa allmählich wieder zum Tragen kam. Wie kann ich das definieren? Nun, kurz gesagt, ein Sinn für Beständigkeit. Die Fahrensleute und Eindringlinge befanden sich in einem andauernden Zustand des Wandels. Sie verspürten nicht das Bedürfnis, über den nächsten März oder die nächste Reise oder die nächste Schlacht hinauszublicken. Und aus diesem Grunde kamen sie auch nicht auf den Gedanken, Häuser aus Stein zu errichten oder Bücher zu schreiben.



5 из 162