
In dieser Nacht fand Tonak keine Ruhe, und das lag nicht nur an dem engen Gästebett. Der Urwald! Ganz in der Nähe! Das letzte Stück ungezähmter Natur auf der ganzen Welt, und er war nur einen Fußmarsch davon entfernt. Er konnte nicht schlafen, wälzte sich wie im Fieber.
Wann würde eine solche Chance einmal wiederkehren in seinem Leben? Das war leicht auszurechnen: nie. Er stand am Ende seiner Ausbildungszeit, Beruf und Familiengründung warteten auf ihn, und dann… nichts weiter. Das war es dann.
Tonak schlug die Decke zurück und setzte sich auf. Es war nackter Wahnsinn, was er vorhatte, das wußte er. Aber in ihm war ein Verlangen, ein brennendes Sehnen, das stärker war als er und alle vernünftigen Argumente. Er zog sich rasch und geräuschlos an und schlüpfte aus dem Zimmer.
Das Haus lag dunkel und still. Später sollte er sich daran erinnern, daß er sich nie vorher und nie mehr danach so sehr lebendig gefühlt hatte wie in diesem Moment, als er mit verhaltenem Atem und leise wetzenden Schritten durch die dunklen Korridore schlich.
Er fand eine der Kerzen, die von der Party übrig geblieben waren, und zündete sie an. In der Küche und im Keller fand er einiges von dem, was er suchte. Er verließ das Haus durch eine der Terassentüren.
Die Nacht war kühler, als er erwartet hatte. Er marschierte entschlossen los, inständig hoffend, daß er sich richtig orientiert hatte. Er stapfte voran, so schnell es ging, und ihm wurde rasch warm.
Er erreichte den Fluß nach ungefähr anderthalb Stunden. Die letzte halbe Stunde hatte er querfeldein gehen müssen, weil kein Weg und keine Strasse zum Flußufer führte. Schließlich kam er bei den Bäumen an, die den Fluß säumten, stolperte die Böschung hinab und stand am Ufer.
Da floß er, träge glitzernd, ein breiter Flußlauf, der die Zivilisation vor dem letzten Dschungel schützte wie ein Burggraben. Tonak hockte sich hin und steckte die Hand ins Wasser. Es war eiskalt.
