
Und dann: »Sie sind schnurstracks in die Hölle gekommen, jetzt sehen Sie zu, wie Sie damit fertigwerden.«
Nein, das konnte nicht wahr sein, diese Stimme log. Das war nicht die Hölle, denn ihr war eiskalt und sie bemerkte, daß Plastikschläuche aus ihrem Mund und ihrer Nase ragten.
Einer dieser Schläuche, der tief in ihrem Hals steckte, würgte sie.
Sie wollte ihn herauszuziehen, doch ihre Arme waren festgebunden.
»Ich mache nur Spaß, das ist nicht die Hölle«, fuhr die Stimme fort. »Es ist schlimmer als die Hölle, wo ich im übrigen noch nie gewesen bin. Es ist Villete.«
Trotz der Schmerzen und der würgenden Sonde begriff Veronika sofort, was geschehen war. Sie hatte einen Selbstmordversuch gemacht, und jemand war rechtzeitig gekommen, um sie zu retten. Vielleicht eine Nonne, eine Freundin, die unangemeldet vorbeigeschaut hatte, jemand, der ihr unerwartet etwas vorbeibringen wollte. Tatsache war, sie hatte überlebt und befand sich in Villete.
Villete, das berühmt-berüchtigte Irrenhaus, das seit 1991, dem Jahr der slowenischen Unabhängigkeit, existierte. Damals glaubte man noch, daß die Teilung Jugoslawiens friedlich vonstatten gehen würde (in der Tat mußte Slowenien nur elf Tage Krieg durchmachen); damals wurde eine Gruppe europäischer Unternehmer autorisiert, eine alte Kaserne, deren Unterhalt zu teuer geworden war, in eine Klinik für Geisteskranke umzuwandeln.
Doch kurz darauf brach der Krieg aus: erst in Kroatien, dann in Bosnien. Die Geschäftsleute machten sich Sorgen: Die Investoren waren über die ganze Welt verstreut, und keiner wußte, wer sie waren, so daß man sie nicht zu einer Sitzung bitten konnte, um ihnen ein paar Entschuldigungen vorzutragen und sie um Geduld zu bitten. Sie lösten das Problem, indem sie ein paar für eine psychiatrische Anstalt nicht gerade empfehlenswerte Praktiken übernahmen; und in dem jungen Land, das gerade einen liberalen Kommunismus abgeschüttelt hatte, wurde Villete zum Symbol der schlimmsten Auswüchse des Kapitalismus: Man brauchte nur zu zahlen, um in die Klinik aufgenommen zu werden.
