
>Morgen muß ich früh aufstehen<. Und dann trennt man sich am besten so schnell wie möglich und schaut sich dabei tunlichst nicht in die Augen.
Ich kehre in das Zimmer zurück, das ich im Kloster gemietet habe. Versuche ein Buch zu lesen, schalte den Fernseher ein, um die ewig gleichen Programme zu sehen, stelle den Wecker, um zu genau derselben Zeit aufzuwachen wie am Tag zuvor, erledige mechanisch alle Aufgaben, mit denen man mich in der Bibliothek betraut. Esse ein Sandwich in der Grünanlage vor dem Theater, sitze auf derselben Bank wie immer zusammen mit anderen Leuten, die auch immer dieselben Bänke aufsuchen, um ihren Imbiß zu essen, den gleichen leeren Blick haben, aber vorgeben, mit unglaublich wichtigen Dingen beschäftigt zu sein.
Dann kehre ich zur Arbeit zurück, höre mir den Klatsch darüber an, wer gerade mit wem geht, wer gerade erkrankt ist und woran und wer sich wegen eines Ehepartners die Augen ausweint, und habe das Gefühl, privilegiert zu sein.
Ich bin hübsch, habe eine Stellung, kann den Mann bekommen, den ich will. Und am Abend gehe ich wieder in die Bars, und alles fängt von vorn an.
Meine Mutter, die sich wahrscheinlich wegen meines Selbstmordversuchs wahnsinnige Sorgen macht, wird sich vom Schreck erholen und mich weiter mit ihren Fragen löchern, was ich denn aus meinem Leben machen will, warum ich nicht wie die ändern bin, wo doch letztlich alles nicht so kompliziert ist, wie ich meine. >Sieh mich an, ich bin doch auch seit Jahren mit deinem Vater verheiratet und habe versucht, dir die bestmögliche Ausbildung zu geben und dir ein Vorbild zu sein.<
Eines Tages, wenn ich es endgültig satt habe, mir immer den gleichen Sermon anzuhören, werde ich ihr zu Gefallen den Mann heiraten, den ich mir zu lieben einrede.
