
Zum Teufel mit den Tabus und dem Aberglauben!< Ihre fromme Mutter hatte immer gesagt: Gott kennt die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Nun denn, er. hatte sie in diese Welt gestellt, wohlwissend, daß sie sich am Ende umbringen würde — da durfte ihn das auch nicht schockieren.
Veronika begann eine leichte Übelkeit zu verspüren, die schnell zunahm.
Wenige Minuten später konnte sie sich schon nicht mehr auf den Platz draußen vor ihrem Fenster konzentrieren. Sie wußte, es war Winter und etwa vier Uhr nachmittags. Die Sonne ging schnell unter. Sie wußte, daß die anderen Mensehen weiterleben würden. In diesem Augenblick ging ein junger Mann unter ihrem Fenster vorüber, blickte zu ihr hoch und wußte nicht, daß sie kurz davor stand zu sterben.
Eine Gruppe bolivianischer Musiker (Wo liegt Bolivien?
Warum fragen Zeitungskorrespondenten nicht danach?) spielte vor der Statue von France Preseren, dem großen slowenischen Dichter, der die Seele seines Volkes so nachhaltig geprägt hatte.
Würde sie die Musik, die vom Platz herauftönte, bis zu Ende hören können? Es wäre eine schöne Erinnerung an dieses Leben: die Dämmerung, die Melodie, die Träume von der anderen Seite der Welt erzählte, das warme, gemütliche Zimmer, der hübsche, lebhafte junge Mann, der jetzt stehenblieb und sie ansah. Da sie spürte, daß das Medikament wirkte, würde er der letzte Mensch sein, der sie sah.
Er lächelte. Sie lächelte zurück. Sie hatte ja nichts zu verlieren.
Er winkte. Sie tat so, als würde sie woanders hinsehen.
Für ihre Begriffe ging der junge Mann bereits zu weit. Verwirrt setzte er seinen Weg fort, vergaß dieses Gesicht am Fenster für immer.
Doch Veronika war glücklich, weil sie noch ein Mal begehrt worden war. Sie brachte sich nicht um, weil ihr Liebe fehlte. Nicht, weil ihre Familie ihr zu wenig Zärtlichkeit entgegenbrachte, nicht aus finanziellen Gründen oder wegen einer unheilbaren Krankheit.
