»Lady, ich habe deinem Bruder, dem König, versprochen, daß ich und meine Kameraden für deine Sicherheit auf dieser Fahrt sorgen. Ich würde davon abraten, in dieser Gegend nachts zu reisen. Auf Leute wie uns lauern hier viele Gefahren. Wenn wir im Gasthaus bleiben und morgen früh aufbrechen, können wir die Burg des Königs von Laigin lange vor dem Mittag erreichen. Auch kommen wir ausgeruht an und nicht übermüdet von einem nächtlichen Ritt.«

Die hochgewachsene Nonne schwieg, und Dego nahm das als Zustimmung.

Dego gehörte der Kriegergarde Colgüs, des Königs von Muman, an und war vom König selbst damit beauftragt, dessen Schwester, Fidelma von Cashel, nach Fearna zu geleiten, der Hauptstadt des Königreichs Laigin, das an Colgüs Reich angrenzte. Er hatte nicht viel zu fragen brauchen, weshalb Fidelma diese Reise antrat, denn die Neuigkeit hatte sich im ganzen Palast von Cashel verbreitet.

Fidelma war von einer Pilgerfahrt zum Grab des heiligen Jakobus zurückgekehrt, die sie auf die Nachricht hin abgebrochen hatte, daß Bruder Eadulf, der angelsächsische Gesandte Erzbischof Theodors von Canterbury in Cashel, des Mordes bezichtigt wurde. Die Einzelheiten waren noch unklar, doch das Gerücht verlautete, Bruder Eadulf sei auf der Rückreise nach Canterbury, das im Lande der Angelsachsen weiter östlich lag, auf dem Wege durch das Königreich Laigin gefangengenommen und beschuldigt worden, jemanden umgebracht zu haben. Genaueres wußte man nicht.

Sehr gut wußten die Leute in Cashel, daß Bruder Eadulf im Laufe des letzten Jahres nicht nur ein Freund König Colgüs, sondern auch ein ständiger Begleiter von dessen Schwester Fidelma geworden war. Es hieß, Fidelma habe sich entschlossen, die Reise nach Laigin zu unternehmen, um ihren Freund zu verteidigen, denn sie war nicht einfach eine Nonne, sondern auch eine dalaigh, eine Anwältin an den Gerichten der fünf Königreiche.



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