Der Mann starrte sie an, als versuche er seine verlorene Stimme wiederzufinden. Schließlich senkte er vor ihrem feurigen Blick die Augen, trat verlegen von einem Bein aufs andere und nickte.

»Ich wollte nicht unhöflich sein. Die Zeiten ... Die Zeiten sind schwierig.«

»Die Zeiten mögen schwierig sein, aber das Gesetz bleibt das Gesetz, und dem mußt du gehorchen«, erwiderte sie. »Meine Gefährten und ich brauchen ein Nachtlager und ein Abendessen - und zwar sofort.«

Der Mann nickte wieder, und seine Haltung wurde diensteifrig.

»Dafür wird sogleich gesorgt, Schwester. Sogleich.«

Er wandte sich um und rief nach seiner Frau, und das schien zugleich das Signal dafür, daß das Schweigen endete und die Unterhaltung wiederaufgenommen wurde. Auch die klagenden Töne der Harfe waren wieder zu vernehmen.

Dego lehnte sich zurück und entspannte sich mit einem schwachen Lächeln.

»Die Leute von Laigin mögen uns ganz sicher nicht, Lady.«

Fidelma seufzte leicht. »Sie glauben unglücklicherweise, sie müßten sich die Vorurteile ihres jungen Königs zu eigen machen. Doch das Gesetz hat über allem zu stehen.«

Die Frau des Gastwirts kam mit einem etwas gekünstelten Lächeln herbei und brachte Schüsseln mit Suppe aus dem Kessel, der auf dem Herd köchelte. Auch Met und Brot wurden ihnen vorgesetzt.

Eine Weile beschäftigten sich die vier Gäste mit ihrer Mahlzeit, denn sie waren den Tag über scharf geritten und hatten sich keine Mittagspause gegönnt. Erst nachdem sie sich satt gegessen hatten und sich ihren Tonkrügen mit Met zuwandten, achtete Fidelma mehr auf die unmittelbare Umgebung und die anderen Gäste.

Die Reisenden bestanden aus ein paar Mönchen in braunen wollenen Kutten und einer kleinen Gruppe von Kaufleuten. Dazu kamen noch Einheimische, meist Bauern, aber auch ein Grobschmied, die einen Trunk und einen Schwatz genossen. Am Nebentisch unterhielten sich zwei Bauern. Nach einer Weile merkte Fidelma, daß ihr Gespräch sich nicht um die üblichen Themen drehte. Sie wandte sich leicht um und hörte genauer hin.



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