
Fidelma lehnte sich zurück und war bemüht, sich ihren Schock nicht anmerken zu lassen. Der Mörder einer Nonne! Das konnte doch nicht ihr Eadulf sein, von dem der Mann da sprach? Vor neun Tagen hatte die Nachricht sie in einer Hafenstadt in Iberia erreicht. Das bedeutete, daß das Verbrechen, dessen man Eadulf beschuldigte, mindestens drei Wochen zurücklag. Die größte Sorge Fidelmas war es, daß die Ereignisse sich schnell entwickelt hätten und sie zu seiner Verteidigung zu spät käme, obwohl ihr Bruder eine Botschaft an Fianamail geschickt und um Aufschub des Verfahrens ersucht hatte. Doch daß Eadulf etwas mit der Ermordung einer Nonne zu tun haben könnte, das war kaum zu glauben.
»Wie konnte er so etwas Schreckliches tun! Weißt du, wie der Angelsachse heißt?«
»Das weiß ich nicht, Schwester. Ich will es auch nicht wissen. Der ist eben so ein mörderischer Hund von einem Angelsachsen, mehr weiß ich nicht, und das genügt mir auch.«
Fidelma schaute ihn tadelnd an. »Woher weißt du, daß er ein mörderischer Hund ist, wie du es ausdrückst, wenn du die Einzelheiten nicht kennst? Sapiens nihil affirmat quod non probat.«
Der Schafhirt war verwirrt. Sie entschuldigte sich sofort für ihren Hochmut, weil sie ihm mit einem lateinischen Zitat gekommen war, und übersetzte: »>Ein weiser Mann behauptet nichts als wahr, was er nicht beweisen kann.< Es wäre doch besser, wenn du das Urteil des Richters abwarten würdest?«
»Nun, die Tatsachen sind schon klar. Nicht einmal die Mönche versuchen ihn zu verteidigen. Es heißt, der Angelsachse sei ein Mönch, deswegen könnte man denken, sie würden seine Verruchtheit decken. Er verdient sein Urteil.«
Verärgert starrte Fidelma ihn an.
»Das ist doch keine Rechtsprechung«, schnaubte sie. »Ein Mensch muß ein Gerichtsverfahren bekommen, bevor man ihn verurteilt und bestraft. Man kann niemanden bestrafen ohne ein Urteil der Brehons.«
