Wer zum erstenmal nach Fearna kam, konnte leicht die Abtei für den Sitz der Könige von Laigin halten.

Sie war zwar erst fünfzig Jahre alt, sah aber aus, als stünde sie schon seit Jahrhunderten dort, denn es umgab sie eine seltsame Aura von Düsternis und Verfall. Sie ähnelte mehr einer Festung denn einer Abtei. Sie vermittelte den Eindruck finsterer Vorahnungen.

Als König Brandubh beschloß, für seinen christlichen Berater und dessen Anhänger eine Abtei zu bauen, verfügte der alte Herrscher, es solle das imposanteste Bauwerk in seinem Königreich werden. Doch statt ein Ort der Gottesverehrung und der Freude zu werden, wie es ihre Bestimmung hätte sein sollen, wuchs die Abtei zu überwältigender und bedrohlicher Größe auf, bis sie wie eine bösartige Geschwulst der Landschaft wirkte.

Es war kaum fünfzig Jahre her, daß die Könige von Laigin zum christlichen Glauben bekehrt worden waren. Damals hatte sich Brandubh vom heiligen Aidan taufen lassen, einem Mann aus Breifne, der sich in Fearna angesiedelt hatte. Das Volk von Laigin hatte Aidan den Namen Maedoc gegeben, eine Koseform seines Namens, die »kleines Feuer« bedeutete. Der heilige Maedoc war vor vierzig Jahren gestorben, und man wußte, daß die Brüder in der Abtei seine Reliquien eifersüchtig hüteten.

Mit kritischem Blick betrachtete Fidelma die Abtei, als sie in die Stadt einritten, sie war so ganz anders als die Wohnstätten der religiösen Gemeinschaften, die sie kannte. Ein wenig schämte sie sich dieses Gedankens, denn sie wußte, daß der heilige Maedoc im Lande beliebt und geachtet gewesen war. Doch sie blieb fest bei ihrer Überzeugung, daß die Religion eine Sache der Freude und nicht der Bedrückung sein sollte.

Dego wies ihnen den Weg zu Fianamails Burg, denn er war schon früher in Fearna gewesen. Der junge Krieger führte sie sicher den Berg hinauf, hielt vor dem Tor der Burg und forderte den verwunderten Posten auf, seinen Befehlshaber zu rufen. Fast sofort kam ein Krieger herbei und zog ein finsteres Gesicht, als er sah, daß Dego und seine Kameraden Männer im Dienste des Königs von Cashel waren. Während er noch unentschlossen zögerte, trieb Fidelma ihr Pferd nach vorn.



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